Exil-Premier
PERSONALIE
Nicht nur mit seiner unerwarteten Kür zum designierten Premier, sondern auch mit seinem eigentümlichen Zungenschlag hat der parteilose Manager Tihomir Oreskovic in Kroatien verblüfft. Bei seinen ersten öffentlichen Auftritten bezeichnete er seine Landsleute versehentlich als »Gebäude« statt als Bürger. An dem zuletzt in den Niederlanden lebenden Exil-Kroaten mit kanadischem Pass scheiden sich vor dessen Amtsantritt im Adria-Staat die Geister. Umstritten ist, ob der EU-Neuling, der nur ein Bruchteil seines bisherigen Lebens in Kroatien verbrachte, über die demokratische Legitimation und die Fähigkeit verfügt, sein angeschlagenes Geburtsland aus der Krise zu führen.
Erst im letzten Moment des wochenlangen Koalitionspokers hatten die konservative HDZ und die wirtschaftsliberale Protestpartei Most den 1966 in Zagreb geborenen, aber in Kanada aufgewachsenen Finanzdirektor des israelischen Pharmakonzerns Teva kurz vor Weihnachten aus dem Hut gezaubert. Obwohl der studierte Chemie-Ingenieur von 2009 bis 2012 den heimischen Pliva-Konzern als Vorstandschef geführt hatte, war sein Name dem Großteil seiner Landsleute bislang völlig unbekannt.
Nicht einmal die ihn nominierenden Parteien würden wissen, was Oreskovic über den von Slowenien in der Flüchtlingskrise errichten Grenzzaun, über die Empfehlungen der EU-Kommission an Kroatien oder die Stellung der Kirche in der Gesellschaft denke, kritisiert die frühere Regierungschefin und Ex-HDZ-Vorsitzende Jadranka Kosor.
Von »Wählerbetrug« spricht gar Milorad Pupovac, der Chef der Partei der serbischen Minderheit, SDSS. Es habe nie einen »unglücklicheren und zweifelhafteren« Beginn für eine neue Koalition gegeben.
Oreskovic selbst erklärte, er wisse, dass heute ein kroatischer Premier keine Schonfrist von 100 Tagen mehr habe: »Unser einziges Ziel ist es, zusammen daran zu arbeiten, dass es morgen besser als heute ist«, versicherte er nach seiner ersten Visite bei Staatschefin Kolinda Grabar Kitarovic.
Mehr Infos auf www.dasnd.de/genossenschaft
Das »nd« bleibt gefährdet
Mit deiner Hilfe hat sich das »nd« zukunftsfähig aufgestellt. Dafür sagen wir danke. Und trotzdem haben wir schlechte Nachrichten. In Zeiten wie diesen bleibt eine linke Zeitung wie unsere gefährdet. Auch wenn die wirtschaftliche Entwicklung nach oben zeigt, besteht eine niedrige, sechsstellige Lücke zum Jahresende. Dein Beitrag ermöglicht uns zu recherchieren, zu schreiben und zu publizieren. Zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit deiner Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Sei Teil der solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.