Freigesprochen
Personalie: Vojislav Seselj wurde vom Straf- gericht in Den Haag freigesprochen
Vojislav Seselj ließ schon vor dem Urteilsspruch der Richter in Den Haag seinen Triumphgefühlen freien Lauf. Er habe das UN-Kriegsverbrechertribunal »erniedrigt, demontiert, getötet«, verkündete der Serbe in einem Interview mit dem Wochenmagazin »Newsweek Srbija«. »Meine Siegesfeier über das Tribunal wird niemand trüben können.«
Bereits 2003 hatte sich der heute 61-jährige Parteichef der Serbischen Radikalen Partei (SRS) dem Tribunal gestellt - zehn Tage nach Erhebung der Anklage. Die warf Seselj Verantwortung für Verbrechen gegen die Menschlichkeit während der Kriege in Kroatien (1991 bis 1995) und Bosnien (1992 bis 1995) vor.
In keinem der Anklagepunkte sei eine Verantwortung Seseljs für Verbrechen gegen Kroaten und Muslime erwiesen, urteilte das Gericht nun ungewöhnlich deutlich. »Mit diesem Freispruch ist Vojislav Seselj ein freier Mann«, erklärte der Vorsitzende Richter Jean-Claude Antonetti. Die Anklage hatte 28 Jahre Haft gefordert.
Seinen offiziell 2007 begonnenen Prozess wusste der wortgewaltige Jurist schon bald als Bühne für nationalistische und Ausfälle gegen das Gericht zu nutzen. Per Hungerstreik erzwang er das Recht, sich selbst zu verteidigen. Auch sonst wussten sich seine überforderten Richter gegen den renitenten Quertreiber kaum einen Rat. Am besten habe er sich im Gerichtssaal gefühlt, gestand dieser in einem Interview mit der Zeitschrift »NIN«: »Ich würde mir wünschen, dass mein Prozess noch läuft. Dort fand ich mich wirklich in meiner Rolle wieder.«
Doch nach Ende seines Prozesses 2012 wurde der an Leberkrebs erkrankte Seselj 2014 noch vor der Urteilsverkündigung aus Gesundheitsgründen vorläufig freigelassen. Obwohl der Freigänger vorab ankündigte, sich an keinerlei Auflagen halten zu wollen, wurde er im Herbst 2014 nach Serbien ausgeflogen.
Seine 2012 nach der 2008 erfolgten Abspaltung der heutigen Regierungspartei SNS ins außerparlamentarische Abseits gestolperte SRS hofft Seselj im April wieder ins Parlament zu führen.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.