Kollege Roboter

Die Feuilleton-EM-Kolumne

  • Jürgen Amendt
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Vorrundenspiel Rumänien gegen Albanien war sehr spannend. Die Mannschaft aus Albanien gewann das Spiel durch ein Tor seines Spielers Armando Sadiku in der 43. Minute. Vorbereitet wurde das Tor von Ledjan Memushaj. Mit dem Sieg qualifizierten sich die Mannen von Trainer Gianni De Biasi von allen Experten unerwartet für das Achtelfinale. Das Fußballmagazin »11 Freunde« kommentierte das Match live im Internet. Das war spannend. Hier ein Auszug:

20› Schuss von Migjen Basha. Möglichkeit für Albanien.

24‹ Abseitsposition Ermir Lenjani (Albanien).

24› Spielunterbrechung in Lyon: Cristian Sapunaru (Rumänien) liegt auf dem Feld und muss behandelt werden.

25‹ Weiter geht›s in Lyon.

26‹ Auch Cristian Sapunaru (Rumänien) ist weiter mit von der Partie.

35› Albanien hat eine Chance durch einen Torschuss von Ledjan Memushaj.

36‹ Migjen Basha (Albanien) kommt zum Abschluss. Sein Schuss geht daneben.

Hektisch wurde die Partie noch einmal in der Nachspielzeit der zweiten Halbzeit. Das Fußballmagazin »11 Freunde« berichtete:

90›+1 Der vierte Unparteiische zeigt 5 Minuten Nachspielzeit an.

90‹+2 Gute Möglichkeit für Albanien: Ledjan Memushaj tritt zum Eckball an.

90›+3 Kopfball von Lorik Cana (Albanien). Rumänien kann die Gefahr klären.

90‹+3 Gelbe Karte in Lyon: Gabriel Torje (Rumänien) wird von Schiri Pavel Kralovec verwarnt.

90›+4 Gelbe Karte: Elseid Hysaj (Albanien) erhält eine Verwarnung.

90‹+4 Schuss von Nicolae Stanciu (Rumänien).

90›+6 Ecke für Albanien.

Auf den Rängen:49752 Besucher.

90‹ Das Spiel ist vorbei. 0-1.

Text-Roboter machen dem Kollegen Mensch zunehmend Konkurrenz. Aufgrund statistischer Bewertungen wählen die Programme aus dem generierten Faktenpool die wichtigsten Daten aus und analysieren mögliche Blickwinkel, unter denen ein Bericht erstellt werden könnte. Anwenden lassen sich die Algorithmen auf Berichte, die eine recht einheitliche Erzählstruktur besitzen und deren Inhalt auf Daten beruht.

Der Vorteil der Schreib-Maschinen liegt auf der Hand: Sie bieten viel Programm für wenig Aufwand. Ihre Entwicklung ist ein Meilenstein in der Geschichte des Journalismus. Allerdings sind ihre Einsatzgebiete vorerst auf wenige Felder des Journalismus beschränkt: etwa auf die Börsenberichterstattung oder - wie am obigen Beispiel verdeutlicht - auf die Sportberichterstattung.

Kritiker bemängeln, dass die Text-Roboter vorgefertigte, standardisierte Textbausteine verwenden, die beim Medienkonsumenten Langeweile erzeugen. Eine hochkarätig besetzte Expertenrunde, die am Samstagabend das Achtelfinalspiel zwischen den Mannschaften aus Kroatien und Portugal im ZDF verfolgte, kam zu dem Schluss, dass Text-Maschinen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon heute unerkannt zum Einsatz kommen. Ein Roboter mit Namen Bela Rethy generierte aus einem Faktenpool die wichtigsten Daten und formulierte Sätze wie diesen: »Kroatien, der nicht mehr geheime Geheimfavorit, gegen Portugal, eine Mannschaft ohne Sieg, hier aber unbesiegt«.

Auch dieser Text, liebe Leserinnen und Leser, wurde aufgrund der Abwesenheit des Redakteurs durch einen Text-Roboter angefertigt. Oder, wie der Kollege Bela Rethy sagen würde: »Fußball ist ein Resultat-Sport«.

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.