Die Sprachlosigkeit überwinden

Menschen erzählen, wie sie Krieg erlebt haben: Der Sammelband »Sei neben mir und sieh, was mir geschehen ist«

  • Frédéric Valin
  • Lesedauer: 6 Min.
Der Krieg geht immer weiter: Flucht aus einem Hochhaus in Kiew nach einem russischen Raketenangriff, Anfang Februar
Der Krieg geht immer weiter: Flucht aus einem Hochhaus in Kiew nach einem russischen Raketenangriff, Anfang Februar

Möglicherweise ist das naiv: Menschen, die einen Krieg erlebt haben, einfach erzählen lassen, wie sie ihn erlebt haben. Mit dem einzigen Hintergedanken, dass sie ins Erzählen kommen. Es ist genauso naiv, einen Band darüber zu machen, der genau das erzählt: einerseits den Krieg, andererseits die Sprachlosigkeit, die ein Krieg hinterlässt. Nicht nur, weil seine Schrecken unsagbar sind, sondern vor allem, weil sie so wenig mitteilbar sind.

In dem Sammelband »Sei neben mir und sieh, was mir geschehen ist« geht es nicht darum, was Literatur ist und was nicht. Seine fast drei Dutzend Autor*innen haben sich zu einem »Poetry Project« zusammengeschlossen. Es geht darum, dass ein »lebendiger Austausch die Sprachlosigkeit« überwinden hilft, wie es im Vorwort heißt. Es geht auch um jene Sprachlosigkeit, die alles Leid umfängt.

Dieses Buch ist mehrerlei: Einladung, die Perspektive zu wechseln; Bitte, wahrgenommen zu werden; aber auch Forderung, die eigene Komfortzone zu verlassen. Und es ist auch eine politische Haltung, die nie darum gebeten hat, politisch zu sein. Aber sie hat keine andere Wahl, als politisch zu werden, denn Menschlichkeit ist der Gegenentwurf zum umfassenden Backlash, den wir gerade erleben.

Elon Musk konstatierte kürzlich, dass »die fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation Empathie« sei. Er ist damit nicht allein: Deutsche Rechtsextremist*innen wie Björn Höcke sprechen von einer »wohltemperierten Grausamkeit«, die jetzt nötig sei. Die CDU hat gegen jede Empirie mit einem Abschiebungswahlkampf gerade die Bundestagswahl gewonnen, Menschenrechte gelten bis weit in die Mitte der Gesellschaft als verhandelbar. Was aber ist mit jenen Menschen, die auf den Schutz dieser ihrer Rechte als Menschen angewiesen sind?

»Sei neben mir und sieh, was mir geschehen ist« versammelt fast drei Dutzend Autor*innen, die Kriege erlebt haben: Krieg in der Ukraine, in Kurdistan, in Syrien. Es sind andere Kriegserzählungen als jene, die aus Filmen und Serien bekannt sind; es sind keine Heldengeschichten. Es sind die Geschichten jener, die überlebt haben: die an den Checkpoints gewartet haben, die auf die Schlepper gewartet haben. Immer im Wissen darum, dass ihr Wissen und ihr Erleben verhandelbar sind. »Unser Schrei verscheuchte nie den Schlaf aus den Augen der Menschheit«, schreibt zum Beispiel Javad Mohammadi.

Man könnte jetzt darüber diskutieren, warum ausgerechnet dieses Buch eine Anthologie wurde, die neben einigen essayistischen Texten vor allem Lyrik versammelt. Es gibt dafür Gründe, etwa dass Lyrik im arabischsprachigen Raum eine größere Rolle spielt als hierzulande. Und dass eben hier einem Publikum, das zu verstehen glaubt, vorgeführt werden muss, dass es noch nicht genug versteht: dass es eben nicht darum geht, verführt zu werden, sondern Leser*innen auch lernen müssen, hinter den rohen Versen die Menschen zu sehen, die sie schrieben. Das ist nicht witzig und das ist auch nicht leicht: Aber es ist wahr.

Die Naivität der Verse ist nicht gespielt. Das sind Dinge, die geschehen. Wenn Iryna Omelyanchuk davon spricht, wie der Bruder ihres Mannes in der Ukraine bleibt, weil er kämpfen möchte oder muss, und deswegen ihr Mann auch dableibt; wenn sie also davon spricht, wie es ihre Familie zerrissen hat, ihr Netz, ihr ganzes Beziehungsgefüge, dann ist das eine Realität des Krieges.

Mahdi Hashemi, geboren in Afghanistan, mit der Familie in den Iran geflüchtet und dann – als 15-Jähriger – allein weiter nach Deutschland, erzählt in einer knappen Skizze, wie plötzlich die Einsamkeit und ein Kummer, der ihn nicht mehr loslassen wollte, nach ihm griffen. Und er nicht mehr in der Lage war, mit anderen Menschen zu sprechen, nicht einmal mit seiner Familie im Iran; wie er nach sechs Jahren endlich nach Teheran fliegen durfte, um diese seine Familie zu besuchen; wie er aber auch dort nicht zu sich finden konnte. »Alles Vertraute, alles, wonach ich mich gesehnt hatte, war plötzlich ungewohnt. Nachdem wir uns begrüßt hatten, saß ich stumm in der Ecke. Ich war ein Fremder geworden in meiner eigenen Familie. Mein kleiner Bruder, der einen halben Meter groß war, als ich ging, war nun einige Zentimeter größer als ich. Sogar er fühlte sich fremd in meiner Gegenwart.« Der kurze Text endet ohne den geringsten Trost: »Meine Seele blieb verloren.«

Die Rohheit, das Unziselierte, das von vielen der im Band versammelten Texte ausgeht, macht sie ganz zart und hilflos. Es geht eine Verwunderung von diesen Texten aus, die nichts Verzaubertes hat, sondern auch eine Fassungslosigkeit transportiert, die zwischen den Zeilen bleibt. Es gibt bis auf wenige Ausnahmen kaum einmal Anklagen in den Texten; die Dinge sind, wie sie sind. »Ich erinnere mich, wie ich auf der Flucht nach Europa im Schnee einschlief«, heißt es bei Abdul Ahmad Pouya, der aus Afghanistan kommt. Es ist nichts Sensationelles an dieser Begebenheit, es bleibt ein einzelner Satz, der Schluss des Textes. Ob dieses Ich es überlebt hat, bleibt unklar.

Es ist bekannt, dass diese Dinge passieren und viele andere auch: Das Sterben im Mittelmeer ist bekannt, die Foltergefängnisse in Nordafrika, dass in Saudi-Arabien mit Mörsern auf Geflüchtete geschossen wurde, überhaupt all die Grausamkeiten, von denen täglich neue begangen werden. Es sind aber nicht diese Grausamkeiten und auch nicht die Toten, um die sich die öffentlichen Diskussionen drehen; obwohl klar ist, dass diese Kriege überall sind. »Selbst in den Städten«, schreibt Anna Melikova, die auf der Krim geboren wurde, »in denen es keine direkten Militäraktionen gab, fühlt es sich an, als ob Russland überall mit der Planierraupe Löcher aufreißt, in denen es Leichen entsorgt, sie mit Erde bedeckt, damit sich niemand daran erinnert, und Fliesen verlegt, die in der Sonne glitzern und in den Augen beißen. Schreiben ist ein Versuch, diese Fliesen zu zerschlagen, einen Widerstand gegen das Vergessen zu leisten.« Ähnlich schildert es Mohamad Zahra für Syrien. »Die Heimat ist ein Gräberfeld«, schreibt er, und auch: »die Hauswände weinen und verkünden/ jede Sekunde den Tod eines Traums/ und leblos sind die Bewohner der Stuben.«

Auch wenn Wut und Politik in vielen Texten keine Rolle spielen, gibt es auch Texte, die sich direkt an Deutschland wenden: vielleicht nicht zufällig stammt einer davon von Rojin Namer aus Damaskus, die schon einige Preise gewonnen hat und entsprechend zumindest ein Stück weit angekommen ist. In »Reflexion einer Heuchelei« wendet sie sich direkt an die neue Heimat: »Deutschland, du bist nicht das, was du vorgibst zu sein/ Wenn aus deinem Schoß die Waffen geboren werden,/ Die den Gesichtern unserer Kinder die Unschuld nehmen,/ Bevor der Mond ihre Lippen berührt.« Und auch sie referiert auf das Konzept der Seele, die bei ihr immerhin noch bleibt, wenn auch in Deutschlands Mauern gefangen.

Und – selten, aber doch – keimt Hoffnung aus den Texten, bei Navid Arafat beispielsweise, dem die Dichter sind wie die Vögel: »In ihrem Zwitschern die Freiheit,/ ihre weißen Flügel: die Liebe,/ ihr Weg: die Leere zwischen Erde und Himmel!« Bei all dem Schrecken und Terror nicht zu vergessen, das Leben zu lieben und zu feiern, auch dieses Geheimnis birgt dieses Buch.

PEN Berlin/The Poetry Project (Hg.): »Sei neben mir und sieh, was mir geschehen ist«. Verbrecher-Verlag, 240 S., br., 20 €.

- Anzeige -

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.