Backpfeifen für Zucht und Ordnung
Rheinland-Pfalz arbeitet die Geschichte der Heimerziehung in einem Buch auf
Sie galten als verwahrlost, aggressiv oder faul: Deswegen kamen bis 1982 einige hundert Jungen im Alter zwischen 14 und 21 Jahren in staatliche Heime nach Speyer, Gau-Algesheim oder Ingelheim. Ihr Schicksal findet jetzt späte Beachtung: Drei Jahre nach einem Landtagsbeschluss zum Unrecht an diesen Jugendlichen haben Wissenschaftler ihre historische Beschäftigung mit diesem Kapitel der rheinland-pfälzischen Geschichte abgeschlossen und unter dem Titel »Verwaltet und vergessen« eine bedrückende Dokumentation vorgelegt. »Es ist ein Stück Zeitgeschichte zur Heimerziehung in Rheinland-Pfalz«, erklärte das Familien- und Jugendministerium vor der Vorstellung des Buchs am Mittwoch in Mainz.
Eindringlich schildern ehemalige Heimbewohner in persönlichen Erinnerungen zu Beginn und am Ende des Buchs ihre Erfahrungen in den Landeserziehungsheimen. Heinrich Engelhardt schreibt über den Heimleiter in Ingelheim in den Jahren 1968/69: »Er war sehr hart, herrisch und kommandierte wie in der Kaserne. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er sich je mit uns unterhalten hätte. Außer wenn er mit uns geschimpft und uns verprügelt hat.«
Die Erfahrungen sind allerdings sehr unterschiedlich. Manfred Bons erinnert sich an seine Zeit im Erziehungsheim auf Schloss Ardeck in Gau-Algesheim in den Jahren 1964/65. Der Heimleiter dort habe immer mit ihm Schach spielen wollen: »Er war süchtig nach Schach. Ich nachher auch.«
Die Autoren Sabine Imeri, Christian Schrapper und Claudia Ströder untersuchten solche Erfahrungsberichte ebenso wie Erinnerungen ehemaliger Mitarbeiter in der Heimerziehung und die wenigen erhaltenen Akten. Aus einer Aufstellung des Landesjugendheims in Ingelheim aus dem Jahr 1977 geht hervor, dass Straftaten mit 25 Prozent der häufigste Grund für eine Einweisung ins Heim waren. Danach folgten schwierige familiäre Verhältnisse (14 Prozent), »Streunen und Entweichungen« (12 Prozent), Probleme in der Schule (11 Prozent), unentschuldigte Schulversäumnisse und Erziehungsschwierigkeiten (jeweils 8 Prozent).
Die Realität in den Heimen war davon geprägt, dass es vor allem in der unmittelbaren Nachkriegszeit kaum ausgebildetes Personal für die Heime gab. In die staatlichen Heime kamen solche Jungen, die von Heimen kirchlicher oder privater Träger als »schwerst erziehbar« abgelehnt wurden. Das Landeswohlfahrts- und Jugendamt definierte das Ziel der Heimerziehung darin, die Jugendlichen »durch Gewöhnung an Sauberkeit und Ordnung und durch Ausbildung in handwerklichen Berufen zu brauchbaren Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden«.
In einem seltenen Fall, in dem Übergriffe auch amtlich dokumentiert wurden, rechtfertigte der Heimleiter Franz Vester sein gewaltsames Vorgehen gegen einen Jugendlichen in Gau-Algesheim damit, dass »mir nichts anderes übrig blieb, als ihn mit ... einigen Backpfeifen zur Besinnung zu bringen«. Das damalige Sozialministerium entschied sich angesichts »der unbestreitbaren Verdienste des Angestellten Vester«, es bei einer Mahnung zu belassen.
Dokumentiert sind auch zahlreiche Fluchtversuche, die regelmäßig mit Haft in einem »Besinnungszimmer« bestraft wurden. Vielfach versuchten Jugendliche, zu ihrer Familie zurückzukehren. Alois Valentin Simon, der von 1966 bis 1972 in Ingelheim war, erinnert sich, wie er einen Freund im Heim gegen Attacken von Mitbewohnern beschützte - »aber immer wenn ich abgehauen bin, war er den anderen wieder ausgesetzt. Irgendwann kam ich nach einer Flucht zurück ins Heim und da hatte mein Freund sich im Stall erhängt.«
Nach der Schließung des Landesjugendheims in Ingelheim im Jahr 1982 wurden die Gebäude auf dem Gelände abseits der Stadt für die Einrichtung des Flüchtlingsheims weiter genutzt, das sich bis heute dort befindet. Im Juni 2012 verabschiedete der Landtag einen fraktionsübergreifenden Antrag, in dem das »erlittene Unrecht« anerkannt wird, »das Kindern und Jugendlichen in Heimen in Rheinland-Pfalz widerfahren ist«.
Die jetzt vorgelegte Aufarbeitung der Geschichte der drei landeseigenen Heime gehörte zu den vom Land übernommenen Empfehlungen des bundesweiten »Rundes Tisches Heimerziehung«. dpa/nd
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