Aleppos Altstadt in der Hand der Regierung
Deutschland und fünf weitere Staaten fordern sofortige Waffenruhe / Dringender Appell von UNICEF
Die syrischen Regierungstruppen sind ihrem Ziel, die zweitgrößte Stadt des Landes von gegnerischen Milizen zu befreien, am Mittwoch ein entscheidendes Stück nähergekommen. Wie sie laut AFP selbst mitteilten, haben die Verbände von Syriens Präsident Baschar al-Assad die Bezirke Bab al-Hadid und Akjul eingenommen und damit die Altstadt nahezu komplett in ihrer Hand.
Allerdings ist das zum Weltkulturerbe zählende Stadtgebiet nach jahrelangen Kampfhandlungen und Bombardierungen durch die russische und die syrische Luftwaffe weitgehend zerstört. Noch immer kontrollieren syrische Rebellen im Bündnis mit dschihadistischen Terrororganisationen wie der Nusra-Front einen kleinen Teil der Stadt, die sie seit 2012 halten, als die Assad-Armee überall auf dem Rückzug war.
Erneut rückt damit die Frage nach dem Schicksal der Hunderttausenden Zivilisten im Kampfgebiet in den Blickpunkt. Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Kanada und die USA haben am Mittwoch in einer gemeinsamen Erklärung einen entsprechenden Appell der Anti-Assad-Front unterstützt und eine sofortige Waffenruhe gefordert. Sie verurteilten das Vorgehen der syrischen Regierung und ihrer ausländischen Unterstützer, insbesondere Russlands, »zur Verhinderung humanitärer Hilfslieferungen«.
Sowohl die russische als auch die syrische Regierung haben das erneut abgelehnt. Damaskus und Moskau verweisen darauf, dass sie einer sofortigen Waffenruhe zustimmen würden, wenn die gegnerischen Verbände die Waffen niederlegen. Dazu sind diese aber weiterhin nicht bereit.
Das Kinderhilfswerk der UNO will sich mit dieser Situation nicht abfinden. UNICEF forderte am Mittwoch in Berlin »freien und sicheren Zugang zu allen Kindern in Syrien« und appellierte »dringend und zum wiederholten Male« an alle Konfliktparteien, Kinder zu schützen. »So lange die Gewalt andauert, werden Kinder leiden«, sagte die UNICEF-Chefin für Syrien, Hanaa Singer, in Damaskus.
Die türkische Regierung überrascht mit der Mitteilung, dass sie bei ihren Vermittlungsversuchen zwischen Russland und den syrischen Rebellen auf besserem Wege als die UNO zu sein scheint. Die Türkei habe schon »sehr gute Erfolge« erzielt, sagte Ministerpräsident Binali Yildirim bei einem Besuch in Moskau. Dabei wurde öffentlich gemacht, dass Abgesandte der regierungsfeindlichen Milizen schon seit längerer Zeit in Istanbul mit Vertretern der Auslandsopposition über die Modalitäten einer Kapitulation verhandeln.
Erneut, überraschend und ohne dazu irgend etwas mitzuteilen, hat sich Israel in den Konflikt eingemischt. Israels Luftwaffe hat laut syrischen Medienberichten einen syrischen Militärflughafen am Stadtrand von Damaskus angegriffen. Anwohner hätten am Morgen laute Explosionen gehört, meldete der libanesische TV-Sender Al-Mayadeen.
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