Proteste nach Holm-Rückzug
Initiativen und Studierende kritisieren Bürgermeister Müller und Rot-Rot-Grün für Personalentscheidung
»Uns stinkt›s«, ruft Susanna Raab ins Mikrofon. Sie studiert Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität (HU) und hat sich an diesem Dienstagmorgen mit rund 50 Kommilitonen vor dem Grimmzentrum, der Universitätsbibliothek, versammelt. Gemeinsam demonstrieren sie für den Verbleib von Andrej Holm als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hochschule. Es ist der Tag nach seiner Erklärung, als Bau-Staatssekretär des Senats zurückzutreten.
Zur gleichen Zeit tagt in einigen hundert Metern Entfernung im Hauptgebäude Unter den Linden der Akademische Senat (AS), um über die rechtliche Bewertung des von Holm ausgefüllten Personalfragebogens und damit auch seinen Status als Angestellter zu entscheiden. Zunächst wollten Holm und HU einen Auflösungsvertrag unterzeichnen, dies zog Holm aber im Zuge der Debatte um ihn zugunsten einer rechtlichen Klärung des Arbeitsverhältnisses zurück.
In der Linkspartei wurde die Causa Holm auch nach dessen Rücktritt als Baustaatssekretär weiter kontrovers diskutiert. Die Bundesvorsitzende der Partei, Katja Kipping, sagte in einem Interview mit der »taz«: »Wenn wir das Ganze als einen Lernprozess begreifen, haben wir doch schon einmal etwas gelernt: nämlich, wie man es nicht macht.«
Kipping kritisierte indes auch die SPD, »die einfach über die Medien den Koalitionspartner von einer Entscheidung« informierte. Die ...
Zu Beginn der nicht-öffentlichen Sitzung übergaben Studierendenvertreter der Hochschulpräsidentin Sabine Kunst eine Unterschriftenliste von 350 Unterzeichnern, die sich hinter Holm stellten. Später drangen Protestierende zudem in die Gremiumssitzung ein, um ihren Unmut kundzutun.
An diesem Mittwoch will die Universität ihre Bewertung des Personalfragebogens verkünden, in dem Holm 2005 zwar Angaben zu seinem Wehrdienst beim Wachregiment des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) »Feliks Dzierzynski« gemacht hatte, eine hauptamtliche Tätigkeit bei der Stasi jedoch verneint hatte. Holm hatte erklärt, er habe zu Unrecht angenommen, seine hauptamtliche Tätigkeit hätte erst nach dem Wehrdienst beginnen sollen.
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Von linken und stadtpolitischen Organisationen war der Rücktritt Holms kritisiert worden. Bei einer Veranstaltung der Wochenzeitung »Freitag« mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) am Dienstagabend im Gorki-Theater solidarisierten sich rund 200 Demonstranten mit Holm. Sie forderten unter anderem, dass »Schluss mit Müllers Basta-Politik« sein müsse.
Müller kritisierte hingegen erneut den Umgang Holms mit seiner Vergangenheit beim MfS: »Diesen Rücktritt habe Holm sich im Wesentlichen selbst zuzuschreiben.« Ein Beleg dafür sei Holms Erklärung zu seinem Rücktritt. »Die Stellungnahme trieft vor Selbstgerechtigkeit«, so Müller.
Andrej Holm selbst scheint der Rücktritt indes entspannt zu haben. Locker wie lange nicht diskutierte er am Montagabend auf dem ExRotaprint-Gelände mit den zahlreich erschienenen Vertretern von wohnungspolitischen Gruppen. Holm moderierte das von ihm einberufene Treffen selbst. Das Gelände sei der richtige Ort für das Treffen »an einem Tag, an dem es nicht so aussieht, als würden die guten Ideen im Vordergrund stehen«.
Unterstützung erhielt Holm bei der Versammlung erneut von stadtpolitischen Initiativen wie »Kotti & Co«. »Ohne die Welle der Solidarität wäre Andrej Holm viel, viel früher abgesägt worden«, sagt Matthias Clausen, Mitinitiator der von 15.000 Menschen unterzeichneten Petition für Holm. Die Unterstützung habe indes nichts mit einem »Personenkult« zu tun, hieß es. Rot-Rot-Grün attestierte Clausen, dass letztendlich mitregieren wichtiger ist als »den Kontakt zur Stadtgesellschaft, auch durch Personalentscheidungen, zu halten«.
Holm und Mitstreiter stellten darüber hinaus zeitliche Abläufe dar. »Die LINKE hat mir gesagt, sie würde mich nicht fallen lassen. Das wäre tatsächlich auch ein Gesichtsverlust gewesen«, sagte Holm. Auf einer Kampfabstimmung im Senat und ein Ende der Koalition wollte er es nicht ankommen lassen. Das wäre eine totale Selbstüberschätzung seiner Person gewesen. Der Stadtforscher will jetzt wieder gemeinsam mit den Initiativen den Senat treiben.
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