Chancenloses Greenwashing
Proteste gegen die Braunkohleaktivitäten von RWE bei der Hauptversammlung
Essen ist in diesem Jahr »Grüne Hauptstadt Europas«. In der ganzen Region wird für die fahrradfreundliche Stadt mit einem hervorragenden Bus- und Bahnnetz geworben. Einheimische und Besucher sollen renaturierte Flüsse und die Gärten der Stadt genießen. Direkt an Essens grüner Lunge, dem Grugapark, fand am Donnerstag die Hauptversammlung des Energieriesen RWE statt.
RWE mit Sitz in Essen gilt nicht gerade als grüner Konzern. Zumal das Geschäft mit erneuerbaren Energien im vergangenen Jahr an das Tochterunternehmen Innogy abgegeben wurde. Dieses ist erfolgreich: Erst vor wenigen Tagen konnte das neue Unternehmen gute Gewinne vermelden. Auch ist die Aktie stabil. Innogy zahlt daher eine Dividende von 1,60 Euro pro Anteilsschein aus. Der größte Batzen, rund 680 Millionen Euro, fließt in die Kassen von RWE, denn der Mutterkonzern hält noch beinahe 80 Prozent der Innogy-Aktien.
Bei der RWE-Hauptversammlung kam dies nicht so gut an. »Die Tochter ernährt die Mutter«, kommentierte Thomas Deser, Portfoliomanager bei Union Investment, der Fondsgesellschaft der genossenschaftlichen Bankengruppe. RWE müsse sich selbst zukunftsfähig machen. An Nachhaltigkeit interessierte Investoren könnten abgeschreckt werden, wenn RWE nicht auch selbst ein grünes Profil zeige.
Der Konzern selbst wird in diesem Jahr keine Dividende an seine Aktionäre auszahlen. Die Einnahmen von Innogy werden benötigt, da der Energieriese plant, am 1. Juli 6,8 Milliarden Euro in den Fonds zur Finanzierung der Endlagerung von Atommüll einzuzahlen. RWE will damit seine Verpflichtungen auf einen Schlag erfüllen, auch um sich spätere Zinszahlungen zu ersparen. Vielen kommunalen Großanlegern passt die wie schon im Vorjahr ausbleibende Dividende überhaupt nicht. Die Zahlungen fehlen in den Haushalten. Zu größeren Protesten der Ruhrgebietskommunen kam es auf der Hauptversammlung allerdings nicht. Womöglich auch deshalb, weil RWE für das laufende Geschäftsjahr 50 Cent pro Aktie zu zahlen verspricht. Außerdem hoffen die Städte auf den Erfolg der Innogy-Aktie.
Deutlichen Protest gegen RWE äußerten hingegen Klimaaktivisten. Vor der Grugahalle zogen sie eine hundert Meter lange Rote Linie. Stephan Kettner von Attac erklärte, die Linie stehe symbolisch für die geforderte Abbaugrenze im rheinischen Braunkohlerevier von RWE, die ehemalige Autobahn A4 und die A61 bilden müssten. Dass sich der Kohlekonzern mit der Tochter Innogy als nachhaltig präsentiert, hält Kettner für reines »Greenwashing«: RWE-Kraftwerke stießen am meisten CO2 in Europa aus und das Unternehmen gehe gegen Klimaschützer vor. Aktivisten, die im Rahmen von »Ende Gelände« 2015 auf das Betriebsgelände vordrangen, hatten von RWE vor kurzem Unterlassungserklärungen zugeschickt bekommen. Darin werden sie aufgefordert, nie wieder Betriebsgelände zu betreten, sonst drohen Geldstrafen. RWE hält dies für ein gutes Angebot, da man im Gegenzug bereit sei, Strafanzeigen zurückzunehmen.
Auch im Saal der Grugahalle wurde Protest laut. Während der Rede von RWE-Chef Rolf Martin Schmitz riefen Aktivisten Parolen gegen den Braunkohleabbau. Einige trugen T-Shirts mit der Aufschrift »Rote Karte für RWE«. Markus Dufner vom Dachverband der Kritischen Aktionäre forderte Vorstand und Aufsichtsrat dazu auf, den Braunkohleabbau endlich zu beenden. Der Hambacher Forst müsse erhalten werden, die Dörfer am Rand des Tagebaus dürften nicht weiter zerstört werden. Auch sei die Feinstaubbelastung dort enorm hoch und gesundheitsgefährdend.
Ein Aktivist des Bündnisses »Ende Gelände« stellte an den »ungerechten Scheißkonzern« RWE ein Ultimatum: Wenn die Kohleverstromung und der Abbau nicht am 23. August beendet werden, werde man bei den am Tag danach beginnenden Aktionstagen selbst dafür sorgen.
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