Werbung

Als der Hafer knapp wurde

Mit seinem Laufrad wollte Freiherr von Drais ein Transportmittel schaffen, das ohne Pferde auskommt

  • Frank Ufen
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Karlsruher Forstbeamte Karl Freiherr von Drais war der Erfinder der Tastenschreibmaschine, des Energiesparofens und eines Apparats, der auf einer Papierrolle sämtliche Töne aufzeichnete, die mit den Tasten eines Klaviers erzeugt wurden. Er konstruierte außerdem eine Schießmaschine, eine Fleischhackmaschine und ein von Muskelkraft angetriebenes Schienenfahrzeug, die Draisine. Und er erhob den Anspruch, die Menschheit mit einer Art Morsealphabet, dem Periskop und dem dualen Rechensystem beglückt zu haben - ohne allerdings zu bemerken, dass es diese Errungenschaften schon gab. Drais hatte das Pech, von seinen Zeitgenossen nur selten ernst genommen zu werden, weil er mit seinen Erfindungen seiner Epoche entweder zu weit voraus war oder ihr umgekehrt hoffnungslos hinterherhinkte.

Doch mit einer Innovation löste er umwälzende Veränderungen aus. Er erfand die Laufmaschine - mit der Urform des Fahrrads. Dieses Gefährt funktionierte an derart gut, dass er am 12. Juni 1817 die 14 Kilometer lange Strecke von Mannheim bis zum Schwetzinger Relaishaus und zurück bewältigte.

Drais’ Laufmaschine gilt als das erste Fahrzeug mit zwei hintereinander laufenden Rädern. Sie ermöglichte es, sich durch Abstoßen mit den Füßen erstaunlich schnell fortzubewegen. Im Unterschied zu den damaligen Kutschen verfügte sie bereits über eine Schleifbremse. Drais wäre durchaus in der Lage gewesen, sein Fahrzeug mit einem Tretkurbelmechanismus auszurüsten. Schon einige Jahre vorher hatte er einen vierrädrigen Wagen mit Tretmühle gebaut. Doch seinen Zeitgenossen war schon das Balancieren auf zwei Rädern nicht geheuer, und erst recht wären sie davor zurückgeschreckt, die Füße ständig vom Boden zu nehmen.

Die Erfindung der Laufmaschine ist die mittelbare Folge einer verheerenden Naturkatastrophe - des Ausbruchs des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa im April 1815. Damals wurden ungeheure Mengen von Asche, Staub und Schwefelverbindungen in die Atmosphäre geschleudert. Dort bildete sich ein dichter Aerosol-Schleier, der sich über die gesamte nördliche Hemisphäre ausbreitete und nur wenig Sonnenlicht durchließ. In vielen Teilen Europas kam es zu einem Temperatursturz und sintflutartigen Regenfällen; das Sommerwetter blieb im folgenden Jahr aus. Das verursachte Missernten, Hungersnöte, Wirtschaftskrisen und Aufstände. Der Hafer etwa wurde dermaßen knapp, dass immer weniger Pferde ernährt werden konnten.

Also versuchte Drais, sich ein Fahrzeug einfallen zu lassen, das ohne Pferde auskam. Dass seine Laufmaschine funktionierte, hing im übrigen auch damit zusammen, dass damals als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme reichlich Steuergelder für den Bau neuer Straßen aufgewendet wurden.

Drais’ geniale Konstruktion wurde anfangs eifrig, wenngleich nicht selten stümperhaft nachgeahmt, geriet aber bald in Vergessenheit. Erst fünf Jahrzehnte später stellte der Pariser Kutschenbauer Pierre Michaux sein Velociped vor - das vermutlich erste Fahrrad, dessen Vorderrad von einer Tretkurbel angetrieben wurde. Damit begann die Zeit der Hochräder. Doch das mit einem überdimensionalen Vorderrad ausgerüstete Hochrad war kostspielig, schwer zu handhaben und die Sturzgefahr war groß. Schließlich kam das Sicherheitsrad auf, bei dem die Tretkurbel zwischen den beiden gleich hohen Rädern angebracht war und das Hinterrad über einen Kettenantrieb in Rotation versetzt wurde.

Ende des 19. Jahrhunderts gelangten Fahrräder auf den Markt, die mit trapezförmigem Rahmen, Pedalen, Luftreifen und Gangschaltung denjenigen moderner Bauart schon völlig entsprachen - und den Laufmaschinen von Drais ziemlich ähnlich sahen. Aus diesen Rädern gingen bald die ersten Kraftfahrzeuge hervor.

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.

- Anzeige -
- Anzeige -