Radioaktives Damoklesschwert

Im Amazonasgebiet lagern große Vorkommen des Minerals Niob. Dessen Abbau würde den Regenwald und indigene Territorien gefährden

  • Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
  • Lesedauer: 5 Min.
Häuptling Alvaro Tukano in Rio de Janeiro am Strand von Ipanema beim Gedenken an seine Vorfahren
Häuptling Alvaro Tukano in Rio de Janeiro am Strand von Ipanema beim Gedenken an seine Vorfahren

Balaio am oberen Rio Negro im Nordwesten des Bundesstaates Amazonas ist eines der am besten erhaltenen indigenen Reservate Brasiliens. Es umfasst über 257 000 Hektar Regenwald, Flüsse und Berge. Es liegt in der Gemeinde São Gabriel da Cachoeira und ist das traditionelle Territorium der Tukano und acht weiterer indigener Völker: der Baniwa, Baré, Desana, Koripako, Kubeo, Pira-tapuya, Tariana und Tuyuka. Es ist auch der Geburtsort des 71-jährigen Alvaro Doéthiro Sampaio Tukano.

Seit dem Tod seines Vaters Ahkïto im Jahr 2020 im Alter von 110 Jahren ist Alvaro Häuptling der Tukanos in Balaio. Dieser gilt als ein Urgestein in der indigenen Bewegung Lateinamerikas und stand zusammen mit anderen indigenen Leitfiguren und Aktivisten wie Mario Juruna, Marcos Terena, Aílton Krenak, Paulinho Paiakan und Davi Kopenawa Yanomami in den 80er und 90er Jahren an deren Spitze.

Als Häuptling der Tukano setzt sich Alvaro für den Erhalt ihrer Traditionen und die Versorgung mit traditioneller Medizin und Lebensmitteln ein. Dabei gilt es, den Regenwald zu erhalten und gleichzeitig durch die Nutzung des indigenen Wissens Ernährungs- und Gesundheitssouveränität für die Völker seines Territoriums zu erreichen.

Doch über Balaio schwebt ein Damoklesschwert. Es heißt Niob (Nb). Eines der weltweit größten Vorkommen des strategischen Minerals Niob befindet sich im Tukano-Gebiet. Die Niob-Vorkommen in der Region São Gabriel da Cachoeira könnten geologischen Erkundungen zufolge ausreichen, um den weltweiten Bedarf an Niob auf heutigem Niveau für 400 Jahre zu decken.

Niob ist ein strategisch wichtiges Schwermetall, das unter anderem in der Baubranche, der Luft- und Raumfahrt, in der Hightech-, Rüstungs- und Atomindustrie eingesetzt wird. Heute spielt das Metall zudem eine entscheidende Rolle in der global angestrebten Energiewende. So ermöglicht Niob die Produktion von schnell aufladbaren Batterien.

Kritisch für die Energiewende

In einem kürzlich auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 veröffentlichten Report über Brasilien werden mehrere kritische Rohstoffe angeführt: »Das zweite Thema ist die Energiewende und der globale Kampf gegen den Klimawandel. Brasiliens kritische mineralische Rohstoffvorkommen machen das Land unverzichtbar für die Entwicklung umweltfreundlicher Technologien. Es verfügt über 94 Prozent des weltweiten Niobs, 22 Prozent des Graphits, 16 Prozent des Nickels und 17 Prozent der Seltenen Erden – allesamt wichtige Komponenten für grüne Technologien.«

Bereits heute ist Brasilien mit über 90 Prozent Weltanteil der mit Abstand global wichtigste Niob-Produzent, so die Deutsche Rohstoffagentur. Hauptlieferant ist die Tagebaumine der Companhia Brasileira de Metalurgia e Mineração (CBMM) in Araxá im Südwesten von Minas Gerais, die jüngst vom australischen Bergbauunternehmen St George übernommen wurde.

»Wir indigenen Völker müssen zusammenstehen und voneinander lernen.«

Alvaro Tukano Häuptling der Tukanos

Die Erschließung der Niob-Vorkommen im Territorium der Tukano im Bundesstaat Amazonas würde das weltweite Angebot des begehrten Metalls drastisch erhöhen und damit möglicherweise die Preise drücken. Bislang ist jedoch jeglicher Bergbau in den demarkierten indigenen Gebieten durch die brasilianische Verfassung verboten. Nichtsdestoweniger gibt es in Brasília eine starke politische Lobby, die dies so bald wie möglich ändern will. Darüber hinaus wächst das internationale Interesse an Brasiliens strategischen Mineralien.

Im November vergangenen Jahres unterzeichneten Brasilien und China ein Abkommen über »nachhaltigen« Bergbau – was auch immer das Wort »nachhaltig« in diesem Zusammenhang bedeuten mag. Die Gewinnung und Erschließung von Niob, Lithium und Nickel gehört zu den Prioritäten des Abkommens.

Im Februar legte Bundesminister und Richter Gilmar Mendes vom Obersten Bundesgericht einen Gesetzentwurf vor, der die brasilianische Verfassung untergraben und den Abbau selbst in demarkierten indigenen Gebieten erlauben würde. Sollte der Gesetzentwurf in Brasília eine Mehrheit finden, müssten die indigenen Völker der Region des oberen Rio Negro möglicherweise entscheiden, ob sie dem Niob-Abbau gegen Entschädigung zustimmen oder ihre Gebiete konsequent gegen Bergbauinteressen verteidigen.

Lasst das Niob im Boden

Umweltwissenschaftler der Universität São Paulo plädierten bereits 2020 dafür, das Niob im Amazonasboden zu lassen. Die Erschließung der Vorkommen von Seltenen Erden und Niob in der Region des oberen Rio Negro könnten zu hohen kumulativen Waldverlusten führen. Sie warnen vor verheerenden Folgen für die Artenvielfalt und die indigenen Völker des Gebietes.

Ihre in »Environmental Science and Policy« veröffentlichte Studie mit dem Titel »Keep the Amazon niobium in the ground« prognostiziert, dass die Ausbeutung der Niob-Lagerstätten zur Abholzung von bis zu 87 000 Quadratkilometern Regenwald führen könnte. Dabei berücksichtigten die Forscher nicht nur die direkten Umweltauswirkungen des Bergbaus, sondern auch die indirekten Folgen durch notwendigen Straßenbau, Siedlungen und Zuwanderung von Arbeitskräften.

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Niob-Abbau und -Verarbeitung gehen darüber hinaus mit der Produktion großer Mengen radioaktiver Abfälle einher. Nioberz gilt als natürlich vorkommendes radioaktives Material und kommt in der Erdkruste zusammen mit radioaktiven Elementen wie Uran, Radium, Thorium, Kalium-40 und Blei-210 vor. Laut aktuellen Statistiken der brasilianischen Atomenergiekommission hinterlässt jede produzierte Tonne Niob etwa 100 bis 400 Tonnen radioaktiven und toxischen Abfall.

Was es bedeutet, in einem radioaktiv verseuchten Gebiet zu leben, wissen die Navajo im Südwesten der USA mit über 500 stillgelegten, verlassenen Uranminen und ungesicherten radioaktiven Abraumhalden. Sie haben den Häuptling der Tukano deshalb zu einem Besuch eingeladen. »Das ist eine große Ehre für mich. Wir indigenen Völker müssen zusammenstehen und voneinander lernen«, so Alvaro Tukano.

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