Bitte keine Geschichtsvergessenheit!
Deals mit türkischen Diktatoren haben Tradition, meint Nelli Tügel
Was hat der kürzlich verstorbene Helmut Kohl mit den aktuellen Debatten um die deutsche Reaktion auf die Verhaftungen von sechs Menschenrechtlern in der Türkei zu tun? Na, zum Beispiel folgendes: Anfang der 1980er Jahre war es das Ziel des »großen Europäers« Kohl, die Zahl der in Deutschland lebenden Türken zu halbieren. Dafür wurde 1983 eine »Rückkehrprämie« eingeführt. Anfang der 1980er Jahre sah es in der Türkei so finster aus wie heute: Eine Militärjunta herrschte, 650 000 Menschen kamen in Haft, über die Todesstrafe wurde nicht geredet - sie wurde vollstreckt. Die Bundesrepublik wollte in diese Türkei nicht nur ausgediente »Gastarbeiter« schicken. Sie pflegte auch gute Beziehungen zur Militärregierung. Und im übrigen nicht nur die Bundesrepublik - die DDR unterhielt ebenfalls wirtschaftliche und politische Beziehungen zur Türkei, auch noch nach dem Putsch von 1980.
Insofern erstaunt es, wie geschichtsvergessen sich die - uneingeschränkt gerechtfertigte - Empörung über Erdogans Treiben mitunter kleidet. Natürlich können die willkürlichen Verhaftungen in der Türkei nur Entsetzen auslösen. Aber: Erdogan steht damit in langer Tradition. Ebenso wie deutsche Deals mit türkischen Diktatoren und Tatenlosigkeit gegenüber deren Politik. Schön wäre es, würde nun endlich mit dieser Tradition gebrochen.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.