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Rechtsextreme, die Israel lieben
Ob in Brasilien, den USA, Argentinien, Ungarn oder Indien - die extreme Rechte begeistert sich für Israel. Warum eigentlich?
Wegen einer Recherche war ich im März in Brasilien und zufällig auch auf einer Demonstration rechtsextremer Bolsonaro-Anhänger. Für den Ex-Präsidenten wird in dem südamerikanischen Land zuletzt wieder verstärkt auf die Straße gegangen – wegen des Putschversuchs 2022 hat der Oberste Gerichtshof eine Klage gegen Bolsonaro zugelassen.
Bemerkenswert an der Demonstration fand ich zwei Dinge. Zum einen war da die Umkehrung von Begriffen. Ausgerechnet jene Rechtsextremen, die das Militärregime der 1960er Jahre feiern und die fast täglich stattfindenden Hinrichtungen schwarzer Jugendlicher durch die Polizei unterstützen, wähnen sich im »Kampf gegen die Diktatur«. »Freiheit« ist der Schlachtruf des Faschismus im 21. Jahrhundert. Das andere, was mich irritierte, war die Präsenz israelischer Fahnen. Von brasilianischen Fußballtrikots einmal abgesehen war Israels Flagge das am häufigsten zu sehende Nationalsymbol.
Dass Rechte Begriffe umdrehen, ist nicht neu. Wenn sich der Faschismus auf etwas versteht, dann auf die Entleerung und Verdrehung von Konzepten. Wie aber lässt sich erklären, dass die globale Rechte, an deren Antisemitismus sich ja nichts Grundsätzliches geändert hat, regelrecht besessen von der Verteidigung Israels ist? Denn der Zusammenhang lässt sich nicht wegreden: Die globale Rechte identifiziert sich mit dem jüdischen Staat. Trump lässt Studierende in Nacht-und-Nebel-Aktionen verschleppen, weil sie einen palästinasolidarischen Artikel verfasst haben. Argentiniens Präsident Javier Milei erhielt wegen seiner Israel-Treue unlängst den »Genesis-Preis«, der von vielen auch als »jüdischer Nobelpreis« bezeichnet wird. Und auch Ungarns Viktor Orbán oder Indiens Narendra Modi sehen sich an der Seite Israels.
Mancherorts hat das damit zu tun, dass Israel im Kalten Krieg als enger Alliierter der USA und damit auch vieler rechter Regime galt. Als die Regierungen Argentiniens, Guatemalas oder Südafrikas in den 1970er und 1980er Jahren zu diskreditiert waren, um von Washington direkt unterstützt zu werden, sprang Israel in die Bresche.
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Vielleicht noch wichtiger aber ist, dass der Kampf zwischen Israelis und Palästinensern aus Sicht des globalen Südens den Krieg zwischen Erster und Dritter Welt zu repräsentieren scheint. Die Palästinenser stehen für die Überschussbevölkerung, die im Kapitalismus nicht mehr gebraucht wird: eine nichtweiße Armutsbevölkerung, die allein durch ihre Existenz als gefährliche Klasse wahrgenommen wird. Israels rechte Regierung aber macht kurzen Prozess mit den plebejischen Horden. Dass diese muslimisch sind, macht die Sache noch einfacher.
Dass umgekehrt »die« Palästinenser für die Sache der Entrechteten stehen, wäre sicher ein Fehlschluss. Aber die Begeisterung der globalen Rechten für Israels Krieg ist mehr als nur Zufall.
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