Vom Anspruch auf Glück

Walt Whitman wurde erst jetzt als Autor eines anonym veröffentlichten Fortsetzungsromans entdeckt

  • Harald Loch
  • Lesedauer: 3 Min.

Wir werden dir eine wahre Geschichte erzählen« - so beginnt Walt Whitman seinen Roman »Jack Engles Leben und Abenteuer«. Literaturgeschichten und Biografien kennen keinen solchen Roman von Walt Whitman (1819 - 1892). Sein Gedichtzyklus »Leaves of Grass« war ein Meilenstein der modernen amerikanischen Lyrik. Aber »Jack Engle«?

Erst der aufsehenerregende Fund des US-amerikanischen Whitman-Forschers Zachary Turpin ermöglichte die Zuordnung des 1852 als anonymer Fortsetzungsroman in der New Yorker »Sunday Dispatch« erschienenen Textes zu dem Autor der »Grasblätter«. Fast alle Personen des »Jack Engle« fanden sich in Whitmans Tagebüchern und Aufzeichnungen - nirgends aber ein Hinweis auf die Zeitungsveröffentlichung des Romans. Inzwischen ist die Urheberschaft unstrittig. Jetzt liegt die deutsche Erstausgabe vor - mehr als eine Trouvaille?

Der in der ersten Person verfasste Roman ist kein alle internen Widersprüche glättender, durchkomponierter Text. Er ist den Bedürfnissen der Zeitungsleser in einer fernsehfreien und auch noch kinolosen Zeit angepasst: unterhaltsam, dramaturgisch gekonnt zugespitzt, aphoristisch und voller alltagsphilosophischer Lebensweisheit, demokratisch und mit sozialem Verständnis, moralisch auf der guten Seite. Die Personen entwickeln sich mit scharfen Konturen vor dem Hintergrund Manhattans. Der Grundgedanke der Personenführung hat archaischen Charakter. Die Herkunft zweier elternlos aufgewachsener Kinder ist rätselhaft, entpuppt sich aber als aufklärbar. Die Verbindung zwischen den beiden Lebensläufen ist ein Verbrechen in der Vergangenheit. Hinzu kommt später ein ungetreuer Anwalt und Vormund. Das alles sind Zutaten zu einem Romangeschehen, das nur noch der sprachlichen Bewältigung bedurfte. Wie gesagt: Der Roman erschien in Fortsetzungen und wandte sich an das Publikum einer Tageszeitung.

Whitman fand für seine dem Broterwerb dienende Lebensgeschichte des Jack Engles einen unterhaltsam-humorvollen Ton, der keine höheren intellektuellen oder ästhetischen Ansprüche bedienen wollte. Lakonisch erzählt der Titelheld von seinem - wir nennen das inzwischen »amerikanischen« - Aufstieg in einer Gesellschaft, in der die Guten überwogen. Die Gedanken des jungen Mannes haben zuweilen Anlass, ins Traurige, Nachdenkliche wegzutauchen. Wenn er nach dem Begräbnis seines alten Arbeitskollegen Wigglesworth in der Kanzlei des Rechtsanwalts Covert über den Friedhof der Trinity Church geht, verliert er sich angesichts der Gräber und Inschriften in Gedanken über die condition humaine. Aber sonst ist Jack optimistisch, zupackend, hilfsbereit, von jugendlicher Großartigkeit.

Das las sich damals gut und liest sich heute noch so. Es stimmt, was Ezra Pound angesichts der überwältigenden Lyrik der »Grasblätter« schrieb: »Whitman ist Amerika«: Der unveräußerliche Glücksanspruch jedes Menschen ist das US-amerikanische Ur-Credo, das doch so vielen vorenthalten wird. Dieser Anspruch wird aber in dieser neuentdeckten Prosa-Perle unentwegt eingefordert und in der erzählten Lebensgeschichte Jack Engles auch eingelöst - ohne das entfernt waltende Unglück ganz zu leugnen.

Der Glücksanspruch der damaligen Zeitungsleser ließ sie die Fortsetzungen verschlingen und der der heutigen Leser des schön übersetzten Buches wird hier immer noch erfüllt.

Walt Whitman: Jack Engles Leben und Abenteuer. Eine Autobiografie, in der der Leser einige ihm wohlvertraute Figuren wiederfinden wird. Aus dem amerikanischen Englisch von Renate Orth-Guttmann und Irmela Wehrli. Nachwort von Wieland Freund. Manesse Verlag. 185 S., geb., 22 €.

- Anzeige -

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.