Klimaschutzbericht geleakt
US-Wissenschaftler zeigen dramatische Folgen von Umweltverschmutzung auf
»Zitieren oder verteilen nicht erlaubt.« Das steht auf jeder einzelnen Seite des klimawissenschaftlichen Sonderberichts, an dem Wissenschaftler der National Academy of Sciences der USA sowie von 13 US-Bundesbehörden mitgewirkt haben. Der Inhalt ist höchst brisant, weil er im Gegensatz zu Aussagen von Präsident Donald Trump und seinen Kabinettsmitgliedern steht und auch nicht offiziell von der Trump-Adminstration gebilligt ist. Dennoch veröffentlichte die »New York Times« Teile daraus am Dienstag.
Die Durchschnittstemperaturen in den USA haben dem Bericht zufolge seit 1980 stark zugenommen. Die vergangenen Jahrzehnte seien die heißesten seit 1500 Jahren gewesen. 15 der vergangenen 16 Jahre seien die heißesten Jahre, die je gemessen wurden, heißt es. »Der Bericht zeigt, dass die USA schon heute massiv vom Klimawandel betroffen sind«, sagt Lutz Weischer, Leiter für internationale Klimapolitik bei der Umweltorganisation Germanwatch. Auch republikanische Bürgermeister in den USA würden in den Regionen bereits über klimabedingte Erosion oder den Anstieg des Meeresspiegels berichten. »Das passt aber nicht zum Narrativ der Republikaner auf nationaler Ebene«, so Weischer gegenüber »neues deutschland«.
Möglicherweise ist deshalb das über 500 Seiten starke Dokument nun an die Presse durchgestochen worden. Donald Trump macht gerade Urlaub in seinem Golfclub in New Jersey. Wie die »New York Times« berichtet, fürchten etliche der Forscher, dass der Report von der Regierung gestoppt oder zensiert werden könnte. »Die US-Wissenschaftler sind besorgt«, sagt Weischer. In jüngster Vergangenheit wurde vielen die Finanzierung gestrichen, Inhalte von Webseiten wurden gelöscht und wissenschaftliche Positionen mit Industrielobbyisten besetzt.
Qua Gesetz ist die Regierung der USA verpflichtet, alle vier Jahre einen Klimaschutzbericht vorzulegen. Der Bericht fußt auf einer breiten Datenbasis. Die Autoren schreiben, dass Zehntausende Wissenschaftler in Tausenden Studien die Klimaveränderungen an Land und in der Atmosphäre dokumentiert haben. Es sei sehr wahrscheinlich, dass die Hälfte des globalen Temperaturanstiegs seit 1951 auf menschlichen Einfluss zurückzuführen ist.
Die Aussage steht in direktem Widerspruch zu Behauptungen von Mitgliedern der Regierung. So hatte Scott Pruitt, den Trump zum Chef der nationalen Umweltbehörde EPA gemacht hat, bei seiner Anhörung im Senat gesagt, dass der Klimawandel zwar existiere, aber der Anteil des Menschen daran erst noch untersucht werden müsse. Auch Donald Trump hatte mehrfach behauptet, dass der Einfluss des Menschen auf das Klima ungewiss sei.
Die Wissenschaftler rechnen laut ihrem Bericht mit drastischen Auswirkungen der steigenden Erderwärmung auf die USA. Selbst wenn die Menschheit ab sofort keinen Treibhausgasausstoß mehr verursachte, würden die Temperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts noch um 0,3 Grad Celsius im Vergleich zu heute steigen. Dass dieses Szenario extrem unwahrscheinlich ist, war auch den Wissenschaftlern klar. »Entscheidungen, die heute getroffen werden, bestimmen das Ausmaß der Klimarisiken jenseits der nächsten Jahrzehnte«, mahnen sie. Für die USA prognostizieren sie: Abhängig von der Höhe der künftigen Emissionen werden die Temperaturen bis zum Jahr 2100 um 2,8 bis 4,8 Grad ansteigen.
Aus dem Weißen Haus gibt es bislang keine Reaktion, die Regierung hält an ihrem klimaskeptischen Kurs fest. Am vergangenen Freitag hatte das US-Außenministerium die Vereinten Nationen offiziell darüber informiert, dass die USA aus dem Pariser Weltklimaabkommen austreten werden. Durch Innovationen und Technologien wolle man die Treibhausgasemissionen weiter reduzieren und mit anderen Ländern zusammenarbeiten, um die fossilen Brennstoffe »sauberer« und effizienter zu nutzen.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.