»Die Tories sind schwach und zerstritten«

Der Aktivist Alex Davidson über Proteste gegen die britischen Konservativen und Hoffnungen in die Labour Partei

  • Christian Bunke
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Tories kommen jetzt das dritte mal nach Manchester, um ihren Parteitag dort abzuhalten. Zwischendurch waren sie in Liverpool. Was halten die Einwohner davon?

Die meisten Menschen betrachten das als etwas sehr Seltsames und Komisches. Es hat hier seit 30 Jahren keinen konservativen Abgeordneten gegeben. Man muss sich wirklich anstrengen, bis man hier jemanden findet, der zugibt, die Tories zu wählen.

Zur Person

Alex Davidson ist Präsident des Manchester Trades Council, dem Zusammenschluss gewerkschaftlicher Vertrauensleute und ehrenamtlicher Delegierter aus den in der Stadt aktiven, im britischen Gewerkschaftsbund TUC zusammengeschlossenen Einzelgewerkschaften. Das Trades Council beteiligt sich an Protesten gegen den Parteitag der Tories, der am Sonntag in Manchester begonnen hat. Mit ihm sprach Christian Bunke.

Foto: privat

Warum kommen die Tories dann hier her?

Weil sie so tun, als ob sie hier etwas zu gewinnen hätten. Das hat schon unter dem ehemaligen Premierminister David Cameron angefangen. Er, und seine Nachfolgerin Theresa May behaupten, dass die Tories der Arbeiterklasse etwas zu bieten hätten. Nur wird kein Arbeiter die Parteitagsdelegierten zu Gesicht bekommen. Sie verstecken sich hinter einem großen Zaun und einer Sicherheitsblase.

Der Parteitag der Tories war immer von Protesten begleitet. Das wird auch dieses Jahr wieder der Fall sein. Mit welcher Stimmung fahren die Demonstranten denn diesmal nach Manchester?

Es ist ein neues Selbstbewusstsein spürbar. Es wird im ganzen Land und von vielen Einzelgewerkschaften nach Manchester mobilisiert. Die Tories sind schwach und innerlich zerstritten. Viele Menschen hegen die Hoffnung, sie bald los sein zu können. Uns als Trades Council ist es aber wichtig, nicht nur mit einer Antihaltung zu mobilisieren. Wir wollen auch ein positives politisches Programm entwickeln.

Wie sieht das aus?

Wir organisieren einen Kongress mit verschiedenen Workshops. Wir greifen den Streik auf, den es vor kurzem bei McDonalds gegeben hat und wollen diesen nutzen, um mehr junge Arbeiter in schlecht bezahlten Jobs in die Gewerkschaftsbewegung zu integrieren. Das ist dringend nötig, da es hier kaum noch hoch qualifizierte, gut bezahlte Industriejobs gibt. Viele arbeiten im Handel oder der Nahrungsindustrie. Da wollen wir ansetzen. Diese Menschen müssen sich organisieren.

Seit drei Jahren ist der Linkspolitiker Jeremy Corbyn Chef der Labour Partei. Hat das Auswirkungen auf die Mobilisierung zu den Protesten gegen den Parteitag der Tories?

Viele Ortsverbände der Labour-Partei mobilisieren dieses Jahr für die Demonstration. Vor drei Jahren hätte es das nicht gegeben. Die Labour Partei war auf den Protesten nicht sichtbar, so wie sie auch generell in sozialen Bewegungen keine Rolle gespielt hat. Heute beteiligen sich Menschen an der Wiederbelebung von lokalen Labour Parteistrukturen, die seit Generationen nicht aktiv gewesen sind.

In den letzten Jahren hat Manchesters Bürgermeister und Labour Politiker Andy Burnham die Tories ausdrücklich in der Stadt willkommen geheißen. Was halten diese Labour Politiker von der Wiederbelebung ihrer Partei?

Die in Manchester regierende Stadtratsfraktion von Labour spaltet sich zunehmend in verschiedene Strömungen auf. Der rechte, neoliberale blairistische Flügel ist inzwischen marginalisiert. Es dominiert aber die klassische Labour-Rechte. Sie setzen Einsparungen um und herrschen über der Stadt wie eine kapitalistische Firma. Das muss aufhören, sie müssen unserer Ansicht nach weg.

Welche Rolle können die Gewerkschaften da spielen?

Wir müssen organisieren. Wir brauchen eine militante, aktive Gewerkschaftsbewegung, die Druck von unten aufbauen kann. Das wird umso wichtiger, sollte Labour die nächste Regierung auf nationaler Ebene stellen. Das Studium der Geschichte zeigt, dass reformistische Regierungen dem Druck der Herrschenden nicht standhalten. Damit es keine Enttäuschung gibt, braucht es das Rückgrat der Gewerkschaften.

Aber linke Labour-Regierungen haben ja vor allem nach dem zweiten Weltkrieg auch viel erreicht?

Aber auch da hat es den Druck und die Kampfbereitschaft einer aktiven Arbeiterbewegung gebraucht. Man hat uns noch nie etwas geschenkt. Wir haben heute das öffentliche Gesundheitswesen NHS, weil Arbeiter dafür gekämpft haben.

Der Kongress des britischen Gewerkschaftsbundes TUC hat dieses Jahr koordinierte Aktionen gegen Niedriglöhne und die Lohndeckelung im öffentlichen Dienst beschlossen. Ist das ein Schritt in die richtige Richtung?

Leider habe ich da überhaupt kein Vertrauen in die Gewerkschaftsspitzen. Jedes Jahr werden solche Anträge beschlossen, vor fünf Jahren sogar einer für einen Generalstr--eik. Auch deshalb ist es wichtig, die Basisstrukturen in den Betrieben wieder aufzubauen. Die großen Kämpfe der Vergangenheit sind von militanten Aktivisten aus den Betrieben getragen worden. Arthur Scargill, der Anführer des großen Bergarbeiterstreiks 1984, stand in dieser Tradition. Da müssen wir wieder hin.

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