Volkswagen hält Dieselkrise für erledigt

Konzern beschließt neue Führungsstruktur - Nutzfahrzeugsparte geht an die Börse

Zum zweiten Mal seit Beginn des Dieselskandals wird bei Volkswagen die Führungsspitze ausgetauscht. Diesmal gehen die Personalien aber auch mit einem tiefgreifenden Konzernumbau einher. Bei Europas größtem Autounternehmen, einem wahren Konglomerat aus zwölf Pkw- und Lkw-Marken sowie 640 000 Mitarbeitern und 230 Milliarden Euro Umsatz, soll es künftig nur noch sechs operative Einheiten mit mehr eigener Verantwortung geben, wie der Aufsichtsrat am Donnerstagabend beschloss. Für die Region China wird es eine eigene Sparte geben. Gleichzeitig löste der bisherige VW-Marken-Chef Herbert Diess mit sofortiger Wirkung Matthias Müller auf dem Posten an der Konzernspitze ab. Ihm wird ein »Chief Operating Officer« zur Seite gestellt, der in den nächsten Wochen benannt werden soll.

»Ein schlanker Konzern soll starke Marken führen«, erläuterte Diess seine Ideen am Freitag bei einer Pressekonferenz in Wolfsburg. Die acht Pkw-Marken werden in drei Gruppen gebündelt: Volumen (Autos für den Massenmarkt), Premium und Superpremium.

Betriebsratschef Bernd Osterloh äußerte sich in einem Brief an die Belegschaft lobend über die neue Machtverteilung bei Volkswagen. Osterloh, der 2016 im Rahmen eines Kostensenkungspogramms noch mit Diess aneinandergeraten war, begrüßte es ausdrücklich, dass der Konzern und die Kernmarke VW Pkw wieder in Personalunion geführt werden. Gut angekommen dürfte auch sein, dass der hervorragend vernetzte Osterloh-Vertraute Gunnar Kilian Personalvorstand werden soll.

Die Betriebsräte unterstützen das Vorhaben, die Nutzfahrzeugeinheit Truck & Bus mit den Marken MAN und Scania an die Börse zu bringen. Ihr Sitz soll entgegen dem Willen des Großaktionärs Niedersachsen von Braunschweig nach München verlagert werden. Der Konzern will auch nach einem Börsengang die Kontrolle behalten.

Laut Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch soll die Neuordnung die Entscheidungen beim riesigen Autokonzern beschleunigen. Die mit dem Dieselskandal einhergehende »größte Krise der Unternehmensgeschichte« sei mittlerweile weitgehend bewältigt worden. Derzeit stehe die gesamte Branche vor ihrer »größten je da gewesenen« Umwälzung mit Digitalisierung, autonomem Fahren und Elektromobilität. Das Unternehmen werde hierbei »deutliche Akzente setzen«, ergänzte Diess. Innerhalb einer Markengruppe ließen sich viele Entscheidungen im Detail »schneller und effizienter« treffen als auf Konzernebene, erklärte er den Vorteil der neuen Struktur. Die Zentrale solle »fokussiert werden auf die großen strategischen Fragen«.

Der Vorsitzende der Linkspartei Bernd Riexinger erklärte, beim notwendigen Konzernumbau müssten Transparenz, Verbraucherschutz und die Mitsprache der Beschäftigten im Vordergrund stehen. »Börsengänge sind keine Antwort auf den Dieselskandal«, so Riexinger. Kommentar Seite 2

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