Selbstbewusst, behindert und verrückt
Am Samstag will die Pride Parade durch Neukölln und Kreuzberg ziehen
»Behindert und verrückt« nennen sie sich selbst - und das möchten sie auch auf die Straße tragen: Für Samstag ruft ein Bündnis aus »behinderten, verrückten, eigensinnigen und normalgestörten Menschen« unter dem Motto »leise und laut - solidarisch und proud« zur fünften Pride Parade am Hermannplatz in Neukölln auf. Sie demonstrieren für ein Ende der Diskriminierung von Behinderten und Verrückten und wollen sich dabei selbstbewusst in der Öffentlichkeit zeigen und somit sichtbar machen.
»Es wird keine übliche linke Demo«, sagt Paula Franz, die die Demonstration vorbereitet, dem »nd«. Das Konzept der Parade lehnt sich an das der Schwulenbewegung aus den USA an und verbindet erstmals Behinderte und Menschen mit einer psychiatrischen Diagnose, die in der Gesellschaft als »verrückt« stigmatisiert werden, so Franz. Die Betroffenen stehen dabei immer im Mittelpunkt. Sie sollen den Raum bekommen, ihre Perspektive aufzuzeigen. Dazu gibt es ein Unterstützungsteam, Übersetzung in Gebärdensprache und einen Ruhewagen. Auch Unterstützer sind gerne gesehen. Kern der Parade, die vom Hermannplatz bis zum Kottbusser Tor führen soll, ist, dass die Teilnehmenden ihre »angeblichen Mängel feiern«.
Dabei hat das Bündnis auch einen feministischen Anspruch. In der Vergangenheit hätten viele queere Menschen wegen ihrer Identität eine psychiatrische Diagnose erhalten. Ihren Kampf sehen sie auch als den ihren an, so Mitorganisator Sven Drebes. Auch das Thema Schwangerschaftsabbruch spielt eine große Rolle. So ist es nach einer medizinischen Indikation beim Kind möglich, eine sogenannte Spätabtreibung bis kurz vor der Geburt legal durchzuführen. »Wir wenden uns sowohl gegen Selektion wie auch gegen jegliche Bestrebung, Frauen einen Schwangerschaftsabbruch zu verweigern.«
Doch auch in Berlin selbst sehen die beiden Organisatoren noch viel Verbesserungsbedarf. Zwar sei die Stadt vor rund 20 Jahren Vorreiter auf dem Gebiet der Barrierefreiheit gewesen. Seitdem sei jedoch nicht sehr viel passiert. Ein großes Problem für Rollstuhlfahrer wie für andere behinderte Menschen ist der Wohnungsmarkt.
Wie in den letzten Jahren erwarten die Veranstalter rund 1500 Teilnehmer, die bei der Parade mitlaufen - teilweise aus dem gesamten Bundesgebiet. Dafür müsse allerdings das Wetter stimmen. Dann könne das Ziel erreicht werden, wieder einmal viele Berührungsängste der Gesellschaft mit Behinderten und Verrückten in direkter Konfrontation abzubauen. Und wenn die Beteiligten dabei noch »gemeinsam Spaß« haben - umso besser.
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