Polizeieinsatz mit Todesfolge

Beamte stürmten eine Wohnung, zwei Männer stürzten währenddessen vom Balkon

  • Marina Mai
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein toter 37-jähriger Mann und ein Schwerverletzter sind das Ergebnis einer polizeilichen Wohnungsdurchsuchung in Friedrichsfelde am Freitagnachmittag. Die beiden stürzten vom Balkon der Wohnung im vierten Stock des Plattenbaus an der Rhinstraße.

»Nachdem die Beamten durch die gewaltsam geöffnete Wohnungstür die Räume betraten und sich als Polizisten zu erkennen gaben, sollen plötzlich vier Männer zum Balkon der Wohnung gelaufen und über die Brüstung gesprungen sein«, sagt Polizeisprecherin Patricia Brämer auf nd-Anfrage. Vermutlich, so heißt es in der Pressemeldung der Polizei, seien sie »bei dem Versuch, sich einer polizeilichen Kontrolle zu entziehen«, gesprungen. Ein Mann und ein Jugendlicher konnten sich auf den darunterliegenden Balkon retten. Die beiden anderen landeten auf der Straße. Einer erlag kurz darauf seinen Verletzungen, der andere wurde schwer verletzt in ein Krankenhaus eingeliefert.

Brämer zufolge waren Beamte der Polizeidirektion 6 und einer Einsatzhundertschaft vor Ort. Grund war ein richterlicher Durchsuchungsbeschluss wegen des Verdachtes des illegalen Menschenhandels und der gefährlichen Körperverletzung. In der Wohnung seien sechs Menschen angetroffen worden. Fünf waren Vietnamesen. Der sechste sei noch nicht identifiziert, könnte aber ebenfalls Vietnamese gewesen sein.

Es gibt aber auch eine andere Version des Tatgeschehens. Die hat ein Mann, der zum Tatzeitpunkt als Besucher in dieser Wohnung war, dem vietnamesischen Journalisten Hieu Ba Linh von der vietnamesisch-deutschen Onlinezeitung »Thoibao.de« (»Die Zeit«) erzählt. Der Zeuge, Herr V., ist aus Königs Wusterhausen und war in der betroffenen Wohnung zu Besuch.

»Wir, fünf Männer und eine Frau, haben gemeinsam gegessen, als plötzlich Männer gewaltsam in die Wohnung stürmten«, wird er in »Thoibao.de« zitiert. Die Männer hätten zuvor gegen die Wohnungstür getreten, aber nicht geklingelt. Sie stürmten hinein mit kugelsicheren Westen, Helm und Schutzmasken und auf die Wohnungsinsassen gerichteten Waffen, so Herr V. Sie hätten sehr laut etwas geschrien, was er nicht verstand. Vermutlich haben sie sich als Polizisten zu erkennen gegeben, doch das habe der nur schlecht Deutsch sprechende Herr V. in dem Moment der Panik nicht verstanden. »In dem Zustand von Angst und Panik rannten wir zum Balkon, ich rannte auch«, so Herr V. in »Thoibao.de«.

Der kleine, aber wichtige Unterschied zur Variante der Polizei: Die Flucht auf den Balkon und vom Balkon in die Tiefe sei nicht aus Angst vor Strafverfolgung, sondern aus Panik wegen der als bedrohlicher Überfall wahrgenommenen Situation erfolgt.

V. berichtet weiter, dass er von einem Polizisten in die Hüfte gestoßen wurde, allerdings nicht so stark, dass er zum Arzt hätte gehen müssen. Nach der Feststellung seiner Personalien durfte Herr V. eigenen Angaben zufolge gehen. Zwei Männer und eine Frau aus der Wohnung seien hingegen vorläufig festgenommen worden. Seit Samstag seien sie nach Angaben von Herrn V. wieder auf freiem Fuß. Er habe auch mitbekommen, dass ein Mann, mit dem er zuvor gemeinsam gegessen hatte, beim Sturz vom Balkon zu Tode kam und ein weiterer schwer verletzt ins Krankenhaus transportiert wurde. Den Schwerverletzten würde er gern im Krankenhaus besuchen, wüsste aber nicht, in welches Krankenhaus dieser gebracht wurde.

Laut Polizei wird von Amts wegen auch wegen des Todesfalles ermittelt. Zur Sicht von V. konnte sich die Polizei wegen des Wochenendes nicht äußern. Die ursprünglichen Ermittlungen wegen illegalen Menschenhandels und gefährlicher Körperverletzung halten an.

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.