Elf Tage werden nicht reichen
Die Idee eines Multisport-Events wie die European Championships ist nicht neu. Sie dürfte erneut scheitern, wenn die Intervalle nicht erhöht werden
»Einmal ist keinmal«, sagt der Volksmund. Schwimmer, Ruderer, Golfer, Triathleten, Turner, Leichtathleten und Radsportler sehen das offenbar ein wenig anders. Wenigstens einmal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen zu werden, ist ihnen schon viel mehr wert als gar nicht. Denn in letzter Zeit konzentrieren sich auch ARD und ZDF immer mehr auf den Quotenbringer Fußball, weshalb es andere Sportarten, egal welch große Tradition sie haben mögen, kaum noch ins Programm schaffen.
Die European Games, also sieben verschiedene Europameisterschaften in elf Tagen in Glasgow und Berlin, sollen das nun ändern, doch ist das realistisch? Eine Bestandsaufnahme: Es lässt sich klar feststellen, dass sich der Fußball immer weiter ausbreitet. 1., 2. und 3. Liga sind längst nicht mehr aufs Wochenende begrenzt, sondern blockieren auch noch Freitag und Montag. Von Dienstag bis Donnerstag gibt es dann Europapokalspiele. Lücken lässt der Fußball nur noch in Winter- und Sommerpause, doch auch da werden selbst von Sportspartenkanälen lieber Hallenseniorenturniere oder Vorbereitungsspiele der Fußballer gezeigt als derzeit etwa die Weltmeisterschaften im Badminton.
Die vielen Sommersportarten versuchten 2015 bereits mit der Einführung der European Games in Baku gegenzusteuern, quasi kontinentale Olympische Spiele. Was in Asien oder Panamerika funktioniert, hatte in Europa die Massen aber nicht vom Hocker gerissen, auch weil viele Stars zu Hause blieben, schließlich gibt es ja zusätzlich noch Europameisterschaften in jeder Sportart, und die gelten als wichtiger.
Nun wird also versucht, sieben solche EM-Turniere zeitlich - und sechs sogar räumlich - zu vereinen. Der Gedanke dahinter: Einzelne Meisterschaften werden von TV-Sendern, speziell den großen öffentlich-rechtlichen, nicht mehr übertragen, weil die nötigen Quoten durch Special-Interest-Fans nicht erreicht werden. Werden die Anhänger von Schwimmen, Leichtathletik, Golf, Rudern, Triathlon, Turnen und Radsport aber kombiniert, könnte die Rechnung aufgehen. So vergrößert sich im günstigsten Fall gleich die Fanbasis aller Beteiligten. Mehr Fans bringen mehr Sponsoren, die wiederum bringen mehr Geld. Im Wintersport klappt das ja auch, wenn Millionen jedes Wochenende die Weltcupübertragungen von Rodlern, Eisläufern, Skiläufern und Biathleten einschalten.
Doch genau hier liegt das Problem. Im Winter gibt es Übertragungen von Dezember bis März fast an jedem Wochenende. Im Sommer werden es nun elf Tage sein. Um Fan zu werden, sich den Sportlern auf emotionaler Ebene anzunähern, reicht das nicht. Das konnten schon die European Games nicht erreichen, ja nicht einmal die Olympischen Spiele. Kaum ein Leichtathletikfan weiß doch, wer in den deutschen Doppelvierern in Rio 2016 Rudergold holte. Warum kennen mehr Menschen die Biathletin Franziska Preuß als den Ruderer Hans Gruhne? Nur Gruhne ist Olympiasieger, aber von Preuß werden alle 30 Rennen im Jahr samt Homestorys übertragen, von Gruhne maximal ein Rennen pro Jahr. Im Grunde hat der Volksmund also Recht: Einmal ist eben doch keinmal.
Die Bündelung der Europameisterschaften kann also nur ein Anfang sein. Wettkampfserien müssten her, die aufeinander abgestimmt werden, damit das Fernsehen folgt. Doch an diesem Kooperationswillen mangelt es wie an dem zur eigenen Veränderung. Biathlon gucken die Massen erst, seit dem es abwechslungsreiche Massenstartrennen gibt und nicht mehr jeder einzeln durch den Wald rennt. Das müssen auch die Leichtathleten begreifen. 10 000-Meter-Läufe, in denen auf den ersten 9600 Metern nichts passiert, will niemand sehen. Schon gar nicht, wenn er vorher das 15 Minuten lange 1500-Meter-Schwimmen und 30 Hoffnungsläufe im Rudern überstanden hat.
Ob der Testlauf überhaupt aussagekräftig ist, darf zudem bezweifelt werden, denn König Fußball wird keineswegs herausgefordert. Die European Games fallen noch in dessen Sommerpause.
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