Mut, Kraft und Trost
Der Leipziger Verein Live Music Now ermöglicht Konzerte für Menschen, die keine Veranstaltungen besuchen können
Es ist ein besonderes Erlebnis für die Patientinnen und Patienten der Beratungsstelle für Tumorerkrankte im Haus Leben in Leipzig: Carmen Dreßler, Cello, und Alia Mazen Kheirbek am Klavier verzaubern den Tag mit einem einstündigen Konzert. Möglich machte das der Verein Live Music Now.
»Für uns ist das etwas ganz Besonderes, hier zu spielen«, sagt Carmen Dreßler. Die 21-Jährige hat sich gemeinsam mit Alia Kheirbek (23) im Frühjahr beim Verein mit einem Vorspiel beworben und ein Stipendium erhalten. Seitdem gaben die jungen Frauen Konzerte zum Beispiel in einem Behindertenheim, aber auch auf der Wachkoma-Station des Klinikums St. Georg. Auch Menschen im Wachkoma reagieren auf Musik, Muskelspannung und Atmung verändern sich, einige lächeln.
Was ist anders als bei anderen Konzerten, bei Konzerten mit Eintritt? Alia Kheirbek: »Wir wählen die Stücke immer so aus, dass sie auf das Publikum speziell zugeschnitten sind. Wer sich in einer schwierigen Lebenssituation befindet, möchte oft eher fröhliche Stücke hören.« Wichtig sei auch die Moderation.
Beim Konzert im Haus Leben stellten die beiden Künstlerinnen sich selbst und die jeweiligen Stücke kurz vor - in diesem Fall unter anderem Stücke von Bach. Mendelssohn, Rachmaninow und Beethoven. Und sie erläuterten die Gründe für ihre Auswahl. Die Besucher konnten Fragen stellen und taten das auch: Was beinhaltet ein Musikstudium, wie viel Zeit nimmt es in Anspruch? Carmen Dreßler studiert an der Musikhochschule Leipzig im 6. Semester. Alia Kheirbek, die aus Syrien stammt, hat ihr Studium an dieser Hochschule bereits beendet und arbeitet als Lehrerin.
Die Atmosphäre während des Konzerts war sehr herzlich. Das Publikum ist, so der Eindruck der beiden jungen Künstlerinnen, dankbar für die Musik. Viele können nicht ins Gewandhaus oder in die Oper gehen, es fehlt ihnen aus ihrer persönlichen Lebenssituation heraus oft die Kraft dazu. Das ist auch die Erfahrung von Nicole Freyer-Vogel, Systemische Therapeutin und Mitarbeiterin im Haus Leben, das zum Klinikum Sankt Georg gehört. In die Friesenstraße 8 kommen tumorerkrankte Menschen zur Beratung. Wer die Diagnose erhält, für den ändert sich schlagartig das gesamte Leben. Wichtig ist dann nicht nur die eigentliche medizinische Behandlung, sondern auch die begleitende Betreuung. Das Haus bietet neben Beratung unter anderem auch Atemtherapie, Gesprächsgruppen, Tai Chi- und Qi Gong-Kurse an. Das jüngste Konzert brachte Freude, das war den Zuhörerinnen und Zuhörern deutlich anzumerken.
Den Verein Live Music Now gibt es in Leipzig seit 2010, er veranstaltet etwa 60 kostenlose nicht öffentliche Konzerte im Jahr, immer für Menschen, die nur schwer Zugang zur Musik beziehungsweise zu den Veranstaltungsorten haben. Die Musik gibt den Zuhörern Mut, Kraft und Trost. Gleichzeitig werden junge und talentierte Künstlerinnen und Künstler gefördert, indem sie Konzerterfahrungen sammeln können.
Annemarie Bauer-Kiess, die wie alle ehrenamtlich im Verein arbeitet, erklärt: »Die Idee geht auf den Geiger und Dirigenten Yehudi Menuhin zurück, der mit seiner Organisation Menschen in schwierigen Lebenslagen unterstützen wollte und davon überzeugt war, dass Musik auch Therapie ist.« Die Konzerte sollen auf hohem Niveau sein, weshalb es die Vereine nur in Großstädten mit Musikhochschulen gibt - in Leipzig, aber auch in Hamburg, Dresden und Frankfurt/Main zum Beispiel. 20 Vereine Live Music Now sind es in Deutschland insgesamt. Bei der Leipziger Organisation sind etwa 40 Künstlerinnen und Künstler derzeit engagiert.
Finanziert wird die Arbeit des Leipziger Vereins wie die der anderen über Spenden, Fördermittel und Benefizkonzerte. Das ermöglicht, dass die Konzerte wie das im Haus Leben für die Zuhörer kostenlos sind. Die Musikerinnen und Musiker bekommen für ihre Auftritte eine kleine Aufwandsentschädigung.
Weitere Informationen im Internet: www.lmn-leipzig.de/
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.