- Kultur
- Bücher zum Verschenken
Trinkst du ein Glas mit?
In der Kneipe liegt die Wahrheit: Simon Carmiggelt hat sie notiert
Aufschreiben, wie es ist, ohne Firlefanz: Wie man in der Kneipe trinkt und was man dabei erlebt, hat der niederländische Journalist Simon Carmiggelt (1913-1987) in unzähligen Kolumnen beschrieben, »Kronkels« genannt. Von 1946 bis 1987 erschienen davon in der Tageszeitung »Het Parool« knapp 10 000 Stück.
• Buch im nd-Shop bestellen
Simon Carmiggelt: Auf ein Gläschen. A. d. Niederl. v. Gerd Busse u. Ulrich Faure. Unionsverlag, 192 S., geb., 18 €.
Diese Texte machten Carmiggelt so populär, dass er in den 70er und 80er Jahren eine eigene Fernsehsendung bekam. In den »Kronkels« beschäftigte er sich im lakonisch-lustigen Stil eines Alfred Polgar mit den alltäglichen Abenteuern, Glücksgefühlen und mittleren Katastrophen.
Viele davon hat er in den Kneipen von Amsterdam aufgeschnappt und beobachtet. Eine kleine, feine Auswahl hat der Unionsverlag unter dem Titel »Auf ein Gläschen« veröffentlicht, nachdem man 2016 von ihm schon eine (sehr empfehlenswerte) Kolumnenauswahl über Haustiere herausgebracht hatte.
Die Grundfrage in den Kneipen lautet: »Trinkst du ein Glas mit?«, und dann geht es los mit dem betrüblichen Größenwahn, den peinlichen Beichten und merkwürdigen Theorien. Und der ganzen angetrunkenen Herzensbildung. Carmiggelt notiert dezent und mit Witz. Manchmal wirkt eine Wirtin auf ihn so, »als wäre sie überall lieber als hier - im Knast, in der Hölle, sonst wo«; manchmal stirbt ein Wirt »im aktiven Dienst«, und manchmal gibt es »eine schöne Tasse Kaffee« für jemanden, der keinen Alkohol bestellt - und es ist Spülwasser. Carmiggelt weiß: »Die angepasste Welt sieht in all dem nur sinnlose Monotonie«, aber für einen Trinker dauert ein Leben immer nur 24 Stunden, denn »dann wird er aufs Neue geboren. Und wenn zum Nachmittag hin sein Sommer angebrochen ist, lacht er uns an der Theke aus, wenn wir in unserem lebenslangen Herbst vorbeigeschlurft kommen. Er hat dann eigentlich doch recht. Aber er legt keinen Wert darauf.«
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.