• Politik
  • Gentrifizierung in Dresden

Die Stadt zurückerobern

Dresden: Hausbesetzer protestieren mit Aktion gegen Mietwucher und Spekulation

  • Michael Bartsch, Dresden
  • Lesedauer: 3 Min.

Es wird gearbeitet auf den drei besetzten Grundstücken an der Königsbrücker Straße in der Dresdner Neustadt. Gestrüpp und Wildwuchs sind beseitigt und teils für einen symbolischen Wall zum Nachbargrundstück verwendet worden. Denn mit der Dental-Kosmetik nebenan, die noch immer eine schon zu DDR-Zeiten beliebte Kinderzahncreme herstellt, möchte man keinen Ärger. Vielmehr hat man die Besetzungsaktion nach der Zahnpasta »Putzi« benannt. In einem der drei Häuser sind mehrere Zimmer von Schutt beräumt und gereinigt worden. Zwei instandgesetzte Öfen verbreiten Wärme.

Uralte Blechausgüsse und Briefkästen aus DDR-Zeiten verraten: Hier ist 30 Jahre lang nichts geschehen. Das mittlere Haus kann wegen zugemauerter Fenster und Türen im Erdgeschoss nur über eine Leiter betreten werden.

Der Eigentümer der Stadtvillen, die Münchener Argenta KG, will angeblich brachliegende Grundstücksflächen »zu anspruchsvollen, nutzerorientierten Lebensräumen revitalisieren«. Davon hat man vor Ort noch nichts bemerkt. In Besetzerkreisen wird eher vermutet, dass es sich um spekulativen Leerstand handelt. Das heißt, dass man wartet, bis die Grundstückspreise noch weiter gestiegen sind, und dann erst saniert man oder verkauft weiter.

Die Gruppe »wirbesetzendresden« macht seit dem vorigen Sommer mit Besetzungen, Scheinbesetzungen oder Gartenpartys darauf aufmerksam, dass viele Gebäude leer stehen und verfallen, während es an erschwinglichem Wohnraum fehlt. Am vergangenen Wochenende haben sie begonnen, die Hausnummern 12 bis 16 der Königsbrücker Straße schrittweise »als Wohnraum und soziales Zentrum« zu nutzen, wie sie mitteilen. Ein Gemeinschaftsgarten, eine offene Fahrradwerkstatt, Vortrags- und Konzerträume sollen entstehen.

Das Konzept liege der Argenta Group vor, aber telefonisch sei dort niemand erreichbar, berichtet Lanne Schmidt, der Sprecher der Besetzer. Die Aktivisten würden gern zumindest über eine längerfristige Zwischennutzung verhandeln. Dresdens Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) bewertet das »erstarkende Interesse« an den alten Häusern positiv, sollten sich damit »ernstzunehmende Nutzungskonzepte verbinden«. Unerlässlich sei aber die Mitwirkung des Eigentümers. Stadtbezirksamtsleiter André Barth hat den Besetzern bei einem Besuch am Dienstag vorgeschlagen, an den Entwicklungsplanungen im Stadtteil mitzuwirken.

»wirbesetzendresden« protestiert mit der Aktion gegen Mietwucher und Spekulation mit Wohnraum. Die Initiative spricht für viele Ausgegrenzte, die zumindest in den Großstädten keinen Platz mehr finden. Zum Auftakt der Besetzung gab es am Samstag ein Feuerwerk auf dem Dach, gegen Abend spielte eine von wilden Partys in der Dresdner Heide bekannte Technoband. »Es hat auch was von einem Abenteuerspielplatz«, sagt Lann Schmidt mit Blick auf Leitern, Wäscheleinen zwischen den Häusern oder die provisorische Toilette. Denn an Kanalisation, Wasser- oder Elektroanschluss ist momentan natürlich nicht zu denken. Auch deshalb möchte man einen »definierten Status« erhandeln. Mit dabei sind Studierende und Menschen, die sich Urlaub von der Arbeit nehmen können. Hinzu kommen zahllose Unterstützer aus der Nachbarschaft, unter anderem vom Interkulturellen Zentrum gegenüber. Bis zu 150 Helfer sollen bei der Aufräumaktion mitgemacht haben.

»Enteignungen sind letztes Mittel«
Mieterbund-Präsident Lukas Siebenkotten zu fehlenden Sozialwohnungen und Mietendeckel

Für die Zeitung »Junge Freiheit« sind das alles »Linksextremisten«, die das rechte Blatt sofort in Zusammenhang mit jenen bringt, die in Leipzig Anschläge auf Baufahrzeuge und eine Immobilienmaklerin verübt haben. AfD-Landeschef Jörg Urban verlangt eine sofortige Räumung und ein Ende der »Verhätschelung« der Antifa. Besetzersprecher Schmidt lacht und meint, man sei solidarisch, kenne die Leipziger aber gar nicht persönlich. Und ja, eine Antifa-Fahne ist am Haus auch zu sehen.

Die Argenta KG hat nun Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung gestellt. Die Polizei sieht aber noch keinen Anlass einzugreifen. »Viele werden Widerstand leisten, wenn ihnen das, was sie hier angefangen haben, wieder genommen werden soll«, sagt Lann Schmidt.

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.