Heute mal kein Smoothie!

Man darf sich gerade jetzt nicht gehen lassen. Aus dem Tagebuch einer Corona-Überlebenden. Von Rebecca Spilker

  • Rebecca Spilker
  • Lesedauer: 5 Min.

Der Wecker klingelt früh, weil ich gerne meinen gewohnten Tagesrhythmus beibehalten möchte. Ich strecke und winde mich unter der duftenden Leinenbettwäsche und werfe schon mal einen ersten Blick auf Instagram. Schön, dass es all meinen Freunden noch gut geht, obwohl viele ja im Homeoffice und daher sehr belastet und einsam sind.

Mein Mann schläft noch - ich lasse ihn gerne noch zehn Minuten träumen.

Schnell schlüpfe ich in meine flauschigen Socken aus Alpakawolle. Mein leichtes Nachthemd in sehr hellem Lindgrün taugt mir als Hauskleid.

Bevor ich uns einen Kaffee aufbrühe, putze ich mir ausgiebig die Zähne, spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht und betupfe es mit einer leichten Tagescreme, die Lippen pflege ich mit ein wenig Lipgloss.

Dann, in der Küche, setze ich Wasser auf und bereite meine kleine Kanne aus Porzellan vor, die ich vor Jahren günstig auf einem Lissaboner Flohmarkt gefunden habe. Den schönen alten Melitta-Filter von meiner Oma setze ich darauf und lege eine transparente Filtertüte ein, die mir eine Freundin aus Tokio mitgebracht hat, letztes Jahr.

Die Sonne scheint durchs Fenster, und ich kuschele mich in den bequemen Sessel im Erker.

»Alexa, bitte spiele The Whitest Boy Alive!« Ein musikalischer Gruß aus der Vergangenheit (Korsika 2009).

Mit beiden Händen umklammere ich die bauchige Kaffeetasse aus meiner Studentenzeit und genieße das duftende, dampfende Getränk.

Das Licht des frühen Morgens fällt durch das Sprossenfenster unserer sanierten Altbauwohnung und dringt durch den dünnen Stoff meines Schlafhemdes. Es zeigt meinem Mann, der gerade zur Tür hereinkommt, meine schmale, kleinmädchenhafte Silhouette.

Zeit, über Corona nachzudenken.

Ich habe Angst.

Was passiert mit uns?

Nichts ist mehr so, wie es war.

Jeden Tag poste ich ein schönes Gedicht von Erich Fried, denn es hilft mir, wenn ich anderen damit eine Freude machen kann.

Als der erste Kaffee getrunken ist, küsse ich den Mann im Vorbeieilen auf seine Stirn und frage ihn, bevor ich dusche, was er gerne zum Frühstück hätte.

Ich genieße das heiße Wasser auf meiner Haut, hülle mich danach in ein großes, weiches Badetuch und schlüpfe dann schnell in einen cremefarbenen Einteiler. Heute nur ein leichtes Make-up. Mascara, schimmerndes Rouge und Lippenstift in zurückhaltendem »Apricot« müssen allerdings sein.

Ich bereite Rühreier, Toast und für jeden eine halbe Avocado mit Krabbensalat vor. Ausnahmsweise mal kein Smoothie!

Eine kurze Whats App an die Kinder, die im Ausland studieren. Sie halten sich zum Glück an die Quarantäne-Vorgaben und es geht ihnen gut.

Gestern hat ihnen mein Mann ein wenig zusätzliches Geld überwiesen, damit sie ihre Lieblingsclubs finanziell unterstützen können. Da ist er sehr großzügig. Und es ist ja auch für einen guten Zweck.

Mein Schatz hat sich bereits in sein Studierzimmer begeben, wo er an seinem vierten Roman arbeitet. Ich freue mich, dass er seine Tagesroutine kaum ändern muss in diesen schweren Zeiten. Sein Verlag hat ihm einen sehr großzügigen Vorschuss gewährt. Nach den zwei gigantischen Bestsellern ist das natürlich eine Selbstverständlichkeit.

Der Markt direkt vor unserer Haustür findet auch weiterhin statt. So kann ich schnell das Nötigste besorgen. Bärlauch ist im Angebot. Ich nehme mir vor, Pesto zu machen und es in hübsche kleine Einweckgläser zu füllen. Geschenke für die Nachbarschaft.

Den restlichen Tag werde ich wieder zwischen Schreibtisch und Küche verbringen. Meine kleine Kolumne, die ich für einen Elternblog schreibe, wird zwar nicht bezahlt, aber ich möchte gerade jetzt niemanden im Stich lassen. Diese Woche habe ich mir überlegt, etwas zum Thema »Liebe in den Zeiten von Corona« zu machen.

Danach dann halt Pesto.

Pesto. Pest. Seuche ... vielleicht fällt mir ja noch ein lustiger Spruch für die Etiketten ein?

Nachmittags ruft Sabine an. Es geht ihr gut, sie ist viel mit dem Hund unterwegs und sagt, dass sie froh ist, sich endlich mal wieder um sich selbst kümmern zu können. Auch tue ihr die Entschleunigung ganz gut, und ihre Studenten genössen die verlängerten Semesterferien.

Um 18 Uhr dann Klatschen auf dem Balkon. Mittlerweile ist das für die gesamte Nachbarschaft zu einer lieben Gewohnheit geworden.

Unser Freund Prof. Neumann ist ja seit drei Jahren mit einer jungen Krankenschwester aus Kasachstan verheiratet. Ein Glück, so musste er in kein Pflegeheim.

Durch das Klatschen zollen wir ihr, aber auch allen anderen Pflegekräften da draußen unseren Respekt.

Als die Dämmerung unsere Straße in ein rosafarbenes Licht taucht, denke ich wieder nach.

Wie dankbar müssen wir sein, dass es uns so gut geht und Deutschland die Krise so gut bewältigt.

Den Abendbrottisch decke ich hübsch ein. Man darf sich gerade jetzt nicht gehen lassen.

»Rosenthal Maria, weiß« und das schöne WMF-Besteck.

Es gibt Pasta mit Pesto.

Ich zünde eine Kerze an.

Der Crémant perlt im Glas.

Später, auf der Wohnlandschaft, schaffen wir gerade noch eine Folge unserer Serie auf Arte. Fast schlafen wir dabei ein, aber ich raffe mich natürlich noch dazu auf, mich abzuschminken und ein nährendes Serum zur Nacht aufzutragen.

Was wird der morgige Tag bringen? Ich bin gespannt. Ich glaube, alles wird gut.

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