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Film über Hildegard Knef: Den Erfolg muss man hinter sich lassen

»Ich will alles. Hildegard Knef« von Luzia Schmid erinnert an eine große Karriere

  • Gunnar Decker
  • Lesedauer: 6 Min.
Die Schöne konnte auch eine Ulknudel mimen.
Die Schöne konnte auch eine Ulknudel mimen.

Es ist ein Leben gefangen im Paradox. 1944 naht der Untergang des von den Nazis für tausend Jahre errichteten »Dritten Reichs«. Aber eine junge Frau, Schauspielschülerin, hat nur eines im Sinn: Erfolg. Unbedingt und um jeden Preis. Es gibt eine Ufa-Dokumentation aus dieser Zeit über ihre Schauspielklasse. Hildegard Knef sticht heraus. Durch Talent? Das, so sagt sie, hätten viele. Nein, durch Willen zum Erfolg! Später bekennt sie: »Ich habe Ehrgeiz. Er begleitet mich wie eine Liebe, die gute und schlechte Tage hat.«

Darum kreist dieser sehenswerte Dokumentarfilm von Luzia Schmid über die Schauspielerin, Sängerin und Autorin Hildegard Knef. Doch Hildegard Knef ist zu klug, um bloß an den Erfolg zu glauben, zu dem es sie lebenslang hinzieht. »Ich will den Erfolg und wehre mich dagegen.« Denn es sind die Niederlagen, die sehend machen, der Erfolg macht blind.

Die Knef hat den geistigen Zugriff eines mit Dialektik geschlagenen Existenzialisten, der in seinen Fragen lebt und den Antworten misstraut. Sie habe Angst, erkannt zu werden und Angst, nicht erkannt zu werden, sagt sie. So viele Bekenntnisse von ihr, zu verschiedenen Lebenszeiten ausgesprochen, gleich zu Beginn des Films. Sie stimmen alle, weil sie immer auch das Gegenteil des gerade Gesagten einschließen.   

Es ist ein früher schockartiger Absturz, der sie zum Nachdenken über sich und die Fragwürdigkeit jeden Ruhms zwingt. Sie hat als Schauspielschülerin ein Verhältnis zu dem »Reichsfilmdramaturgen« Ewald von Demandowsky, einem hohen NS-Funktionär, Chef der Film-Produktion Tobis und enger Mitarbeiter von Propagandaminister Goebbels. In ihrer Autobiografie »Der geschenkte Gaul« (1970), einem bedeutenden Buch, heißt es über den fast doppelt so alten Mann: »Er ist ein Ehrgeiziger, ein Fähiger, ein Beweglicher, der Wurzeln braucht, Wurzeln findet. Ewald von Demandowsky glaubt. Er glaubt an die Herrenrasse.« Und es folgt dieses Eingeständnis: »Ich habe ihm nichts entgegenzusetzen.« Es ist eine einschneidende Erfahrung für sie, an der sie sich lebenslang abarbeiten wird: Das Böse kann durchaus geistvoll, kann charmant daherkommen. Der NS-Funktionär soll ihr die Türen zur Film-Welt öffnen. Tatsächlich hat die Zwanzigjährige für die Ufa bereits mehrere Filme gedreht, die aber – zu ihrem Glück – erst nach dem Krieg ins Kino kommen werden.

Hildegard Knef besaß die große Gabe, innere Widersprüchlichkeit ausdrücken zu können.

Nach der Befreiung ist ihr Gönner Demandowsky kein Gönner mehr, sondern ein gesuchter Kriegsverbrecher, den die Russen 1946 erschießen. Da hat Hildegard Knef bereits den jüdischen US-Kontrolloffizier Kurt Hirsch getroffen, den sie 1947 heiratet. Sie ist ein unbeschriebenes Blatt, tritt im Kabarett und im Schlossparktheater bei Boleslaw Barlog auf. In den Babelsberger Studios, die nun Defa heißen, dreht Wolfgang Staudte seinen ersten Nachkriegsfilm »Die Mörder sind unter uns« und sucht ein neues Filmgesicht. Er findet Hildegard Knef. Mit diesem großen Film, der die Schuldfrage nicht nur auf Hitler und seine Generäle bezieht, sondern jeden einzelnen Deutschen auffordert, sich zu fragen, was er getan oder zu tun unterlassen hat – gelingt Hildegard Knef ein Erfolg, den sie so nie mehr wiederholen kann.

Mithilfe ihres Mannes geht sie nach Hollywood, bekommt bei David O. Selznick – hier heißt sie nun Hildegard Neff – einen Siebenjahresvertrag, aber wird in keinem einzigen Film spielen. Von Hirsch lässt sie sich 1951 scheiden. Dieser wird 2005 sagen: »Hilde war kein schlechter Mensch, aber sehr berechnend.« In Hollywood mag man sie nicht, der Vertrag wird zur Fessel.

All das ist längst bekannt. Aber neu in diesem Film »Ich will alles. Hildegard Knef« von Luzia Schmid ist die Perspektive einer mit den Niederlagen ihres Lebens ebenso distanziert-reflektierend umgehenden Frau wie mit ihren Erfolgen. In Hollywood scheitert sie, ebenso ihre Ehe mit Hirsch. Wie dann auch die zweite Ehe mit dem britischen Schauspieler David Cameron scheitert. Der Versuch, in Westdeutschland wieder beim Film Fuß zu fassen, wird zum Skandal. Willi Forsts »Die Sünderin« von 1950, in dem Hildegard Knef als Malermodell einige Sekunden lang nackt zu sehen ist, ruft einen ungeheuren Empörungssturm im bigotten Adenauer-Deutschland hervor – sie flieht davor, wieder zurück in die USA.

In New York wird ihr die Hauptrolle im Musical »Silk Stockings« von Cole Porter angeboten. Sie könne doch gar nicht singen, wehrt sie ab. Aber weil sie keine andere Chance hat, nimmt sie die Rolle an – es wird ein großer Erfolg. Ella Fitzgerald nennt sie »die beste Sängerin ohne Stimme«. Und die Knef weiß, dass das stimmt. Wenn man nun zu ihrer Art Sprechgesang gute Texte macht, am besten selbstgeschriebene? Das Publikum ist immer launisch, mal hat sie in den kommenden Jahren Erfolg, mal nicht. Die Knef klagt nicht, sondern konstatiert, sie habe mit guten Regisseuren gearbeitet, die mit ihr schlechte Filme machten. Billy Wilder wird mit ihr 1978 »Fedora« drehen, auch dies wird kein Erfolg.

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Irgendwann ist es dann die Frage, ob man den Marathonlauf, der das Leben im besten Falle ist, überhaupt durchhält. Sie wird immer wieder krank, schwer krank. Schreibt 1975 ein Buch über ihren Krebs: »Das Urteil«. Ihre Tochter sagt, auch als sie dann nicht mehr krank war, habe sie den Gestus der Krankheit beibehalten, was für alle strapaziös gewesen sei. Und sie habe die Schmerztabletten nach all den Operationen einfach weiter genommen, wurde abhängig von ihnen.    

Da klingen Lieder wie »Für mich soll’s rote Rosen regnen« wie Notwehr gegen eine brutale Außenwelt, die nicht mit Blumen abrechnet, sondern in Zahlen. Hat sie nicht nach all dem Kampf das Anrecht auf etwas Schönheit, die man ihr schenkt? Nein, sie muss hart arbeiten bis zuletzt. Reich ist sie immer nur mal zwischendurch, dann muss sie wieder gegen die Schulden anarbeiten: mit Konzerten, mit Nebenrollen im Fernsehen und Talkshows. Zwei Wochen vor ihrem Tod 2002 hat sie ihren letzten Fernsehauftritt.

Alles bloß die Folge von unstillbarem Ehrgeiz – und nur die Rolle der KZ-Überlebenden Susanne Wallner in Wolfgang Staudtes »Die Mörder sind unter uns« wird bleiben? Auch das wäre als Summe eines Lebens schon viel. Aber es bleiben auch die Bücher, die Texte ihrer Lieder und deren so außergewöhnliche eigene Interpretationen. Am Ende hat sich Hildegard Knef – und so erleben wir sie in diesem Film von Luzia Schmid, die mit Archivmaterial arbeitet und Lebensbegleitern spricht – wohl längst von allzu hochfliegenden Plänen verabschiedet.

Gerade deshalb kann man nun als Zuschauer an jenem Reichtum teilhaben, den das Leben nur jenen schenkt, die fähig sind, Erfahrungen zu machen. Hildegard Knef konnte es und besaß noch dazu die große Gabe, deren innere Widersprüchlichkeit ausdrücken zu können.

Sie war zweifellos eine kühl kalkulierende Distanzspielerin. Aber in ihren immer klug formulierten Einsichten über Irrtum, Scheitern und seltenes Gelingen flackert etwas auf, das eine bestärkende Kraft hat. Die poetische Gestalt des Lebens, dessen Substanz (der Schmerz) immer kühl gehalten werden muss, verlangt nach Selbstdisziplin. Denn das sentimental Erhitzte, die Kleinbürgervorstellung von Gefühl, hasste Hildegard Knef. Und der Erfolg, mit dem sie sich einst eng verbunden hatte? Auch dieser erwies sich in ihren Augen schließlich als Trugbild. Was von Hildegard Knef bleibt, sind so auch ihre philosophischen Einsichten über das Leben, die ebenso hart erarbeitet wie seltenes Geschenk sind.

Ab dem 3. April im Kino

Und mondän wirkte sie auch: Hildegard Knef.
Und mondän wirkte sie auch: Hildegard Knef.

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