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Mit Impfung an die Weltspitze?
Ulrike Henning meint, dass sich das russische Corona-Prestigeprojekt erst noch bewähren muss
Und es gewinnt: Russland! In der aktuellen Covid-19-Pandemie hat sich ein Außenseiter nach vorn geschoben. Unter den mehr als 170 Projekten weltweit, in denen nach einem Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus gesucht wird, hat ein russischer Kandidat offenbar als erster die Ziellinie erreicht. Normalerweise könnte man nun den Forschern des Landes gratulieren, gerade weil Russland mit fast 900.000 Fällen zu den am meisten betroffenen Staaten gehört. Annähernd 15.000 Todesfälle sind aktuell zu beklagen. Angesichts dieser Tatsachen wäre es nur zu begrüßen, wenn der Lauf des Virus nun mit einer Impfung gebremst werden könnte.
Allerdings sind Zweifel angebracht. Bislang erfuhr die Welt erst von 50 russischen Soldaten, an denen das Vakzin erfolgreich getestet wurde. Die dritte, abschließende Testphase bei einer Impfstoffentwicklung erfordert aber mehrere Tausend Versuchspersonen. Erst bei einer solchen Zahl ist es möglich, seltene Nebenwirkungen zu ermitteln. Fast mutet es an, als ob diese Phase Drei von Moskau einfach nach der Zulassung abgewickelt wird. Erst einmal sollen jetzt die Ärzte geimpft werden, nach Putins Tochter. Am 1. August hieß es noch, Ärzte und Lehrer zuerst. Für die Bevölkerung solle der Impfstoff dann ab Januar erhältlich sein. Ein sinnvoller Stufenplan oder ein willkürliches Planspiel?
Wissenschaftliche Daten zur russischen Impfung sind international noch nicht bekannt. Es kann also durchaus sein, dass sich Wladimir Putin mit dem Druck auf seine Forschungseinrichtungen und der vermeintlichen Spitzenleistung überhaupt keinen Gefallen getan hat. Das Prestige des Klassenbesten dürfte schnell verdampfen, wenn die Ansteckungszahlen nicht rapide zurückgehen und wider Erwarten ernste Nebenwirkungen auftreten.
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