- Kommentare
- Sieben Tage, sieben Nächte
Krankmeldung - leicht gemacht
Wenn Beschäftigte sich telefonisch krankmelden können, einfach so, dann könnte man annehmen, dass sehr viele dies tun. Nicht nur, weil die Nase trieft. Sondern beispielsweise auch, um sich ein paar Tage zu erholen von dem nervigen Job und dem nervigen Chef. Ökonomen vom alten Schlag könnten argumentieren: Natürlich machen dann viele blau, denn der Mensch ist ein egoistisches Wesen, das die Gelegenheit nutzt, bei Lohnfortzahlung auf dem Sofa zu liegen.
Was tatsächlich geschieht, wenn ein Anruf in der Arztpraxis genügt, ist nun etwas klarer. Vom 9. März bis zum 31. Mai konnten sich Beschäftigte wegen einer Erkältung bis zu zwei Wochen telefonisch krankschreiben lassen. Inzwischen liegen einige Daten von Krankenkassen vor. So wurden im März 9,3 Prozent der bei der AOK versicherten Beschäftigten wegen Atemwegserkrankungen krankgeschrieben. Das waren mehr als im Vorjahr und weniger als zwei Jahre zuvor. Dieser Befund taugt schon mal nicht für eine These. Also weiterschauen: Im April gab es fast keinen Unterschied mehr und der Mai brachte eine Überraschung: Gerade mal 1,2 Prozent der erwerbstätigen AOK-Mitglieder waren wegen Atemwegsleiden arbeitsunfähig, im Vorjahr waren es noch 3,1 Prozent! Von massenhaftem Blaumachen per Telefon keine Spur.
Das wissenschaftliche Institut der AOK hat weitere Daten aus den vergangenen fünf Jahren ausgewertet und schlussfolgert: Diese sprächen »für einen verantwortungsvollen Umgang von Ärzteschaft und Beschäftigten mit der temporären Regelung zur telefonischen Krankschreibung«. Die Techniker Krankenkasse bilanzierte vor einigen Wochen: »Ein dauernder Anstieg von Arbeitsunfähigkeiten, wie von einigen Arbeitgebern befürchtet, hat sich nicht bestätigt.«
Auch der Krankenstand insgesamt war nach Daten der Techniker Krankenkasse im ersten Halbjahr unspektakulär, wobei Covid-Fälle eine untergeordnete Rolle gespielt haben, was wohl auch damit zu tun hat, dass insbesondere alte Menschen betroffen sind. Aber das ist ein anderes Thema.
Wenn die bequeme Krankmeldung per Telefon nicht dazu führt, dass Beschäftige massenweise eine Auszeit nehmen, was treibt dann den Krankenstand hoch? Hier spielt auch der Job eine Rolle: Monotone Tätigkeiten oder als sinnlos empfundene Arbeit setzen Menschen zu. Auch das Führungsverhalten spielt eine wichtige Rolle. Dieses hängt einerseits von der Unternehmenskultur ab, andererseits beeinflusst jeder einzelne Chef dieselbe. Es kommt etwa vor, dass Führungskräfte den Krankenstand »mitnehmen«, wenn sie eine neue Abteilung leiten. Statt Beschäftigte zu zwingen, bei jeder Erkältung stundenlang im Wartezimmer zu sitzen, könnte man sie bitten, Vorgesetzten öfter ein Feedback zu geben. Es ist ja nicht völlig ausgeschlossen, dass die Chefs darüber nachdenken.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.