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Krimi-Serie »Bodies«: Der Tote in der Longharvest Lane
Die fantastische Krimiserie »Bodies« erzählt von einem sich durch die Jahrhunderte wiederholenden Mord
Derselbe Leichnam eines etwa 40-jährigen Mannes mit einer Schussverletzung im Schädel taucht in der fantastischen Krimiserie »Bodies« im Lauf von 160 Jahren immer wieder auf. Der Tatort ist jedes Mal die Longharvest Lane im Osten Londons. Vier verschiedene Detektive der Londoner Polizei sind zwischen 1890 und 2050 an dem komplizierten Fall dran und erst ganz langsam wird ihnen allen klar, dass etwas mit dieser Leiche nicht stimmen kann.
Die literarische Vorlage für »Bodies« ist die achtteilige Graphic Novel gleichen Titels von Si Spencer aus dem Jahr 2014, die bei DC-Comics erschienen ist, bisher in keiner deutschen Übersetzung vorliegt und Ende Oktober als Sammelband neu aufgelegt wird. Als Streaming-Serie wird der Plot mit vier kunstvoll ineinandergeschobenen Erzählebenen ungemein spannend umgesetzt.
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In der Gegenwart ermittelt die muslimische Kommissarin Shahara Hasan (Amaka Okafor), die am Rande einer Demonstration von Neofaschisten den Toten findet. Hat der Leichnam etwas mit der rechten Szene zu tun? War das ein Anschlag? Verdächtigt wird bald ein junger Mann, der wie die Ermittlerin aus einer migrantisch geprägten Familie kommt und von dessen Unschuld Detective Hasan überzeugt ist. Aber sie ist nicht die Einzige aus der Polizeiwache in Whitechapel, die in der Longharvest Lane eine Leiche findet.
Denn im viktorianischen London des ausgehenden 19. Jahrhunderts wird Detective Edmond Hillinghead (Kyle Soller) ebenfalls an derselben Stelle mit eben dieser entkleideten Leiche konfrontiert und ermittelt wegen eines möglichen Sexualdelikts im East End. Gut 50 Jahre später, während der Bombardements der Nazis auf London im Jahr 1941, ist Detective Charles Whiteman (Jacob Fortune-Lloyd) an dem Fall dran und versucht, die Leiche aus der kleinen Nebenstraße verschwinden zu lassen, da ihm die kriminelle Organisation, für die er nebenher arbeitet, den Auftrag dazu gibt.
Und im postapokalyptischen London 2050 stößt Detective Iris Maplewood (Shira Haas) wieder an derselben Stelle, die mittlerweile eine Art Hinterhof geworden ist, auf den Leichnam. Alle vier Ermittler haben mit heftigen Widerständen während der Ermittlungen zu kämpfen. Im viktorianischen London sieht sich der schwule Detective Hillinghead der Homophobie seiner Zeit und einer reichen und mächtigen Familie gegenüber, die offensichtlich mit dem Mord zu tun hat, ein Geheimnis wahren will und so gut es geht seine Untersuchungen torpediert.
Der jüdische Detective Whiteman ist 1941 mit dem Antisemitismus seiner Kollegen konfrontiert und versucht außerdem im zerbombten London ein jüdisches Mädchen zu retten. Hasan Shanara kämpft in unserer Gegenwart mit antimuslimischem Rassismus. Und in der Zukunft muss sich Detective Maplewood mit einem mächtigen Politiker herumschlagen, der sie auf eine Terrorgruppe ansetzt und dabei seine eigenen Ziele verfolgt.
»Bodies« lebt von einer geschickt inszenierten, sich langsam steigernden Spannung und vereint sehr gekonnt eine viktorianische Krimigeschichte, den Hardboiled-Detektiv der 1940er Jahre, eine sozialkritische Crimestory aus unserer Gegenwart und eine Science-Fiction-Geschichte, in der es um soziale Segregation und eine autoritäre Zukunft geht.
Immer wieder läuft alles in der Polizeiwache in Whitechapel zusammen. Stellenweise wirkt das mal wie eine schräge Verschwörungsgeschichte, dann wie ein Zeitreise-Science-Fiction-Opus, aber auch wie eine apokalyptische Endzeit-Erzählung, in der das große alles verändernde Ereignis im High-Tech-London der Zukunft immer nur angedeutet wird.
Die mit Genregrenzen spielende und sie gekonnt überschreitende Serie »Bodies« erzählt so auf unorthodoxe Art und sehr rasant in einem spannenden Krimi-Plot ebenso Londoner Stadtgeschichte, wie auch vom alltäglichen Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Homophobie.
Verfügbar auf Netflix
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