- Wirtschaft und Umwelt
- Bürgerschaftswahl in Hamburg
Hamburg vor zur Welt
Vor der Bürgerschaftswahl scheint die Stadt so zufrieden, dass sie den Strukturwandel verpasst
»Hamburg droht, abgehängt zu werden.« Die Handels- und Handwerkskammer sowie der Unternehmensverband Nord sorgen sich um die lahmende Konjunktur in der Hansestadt. Hinzu kommen grundlegende Probleme, die von der überbordenden Bürokratie bis hin zur teilweise maroden Infrastruktur reichen. So kann die erst in den 70ern eingeweihte Köhlbrandbrücke, die den Hafen mit Autobahnen verbindet, nicht mehr saniert werden. Klagen, die in ähnlicher Form von Wirtschaftsverbänden vielerorts in Deutschland vorgebracht werden. In Hamburg haben sie jedoch eine besondere Note, das »Tor zur Welt«.
Noch vor 20 Jahren gehörte der Hamburger Hafen weltweit zu den zehn größten, gleichauf mit Rotterdam. Doch im vergangenen Jahr schlug der Hafen lediglich 7,8 Millionen Container (TEU) um – Rotterdam bewegte 13,8 Millionen. Global ist Hamburg auf Rang 23 abgerutscht. Seit Längerem wachsen die Top-EU-Häfen doppelt so schnell. Grund dafür ist nicht allein die deutsche Wirtschaftskrise. Geografische Lage, Sanktionen gegen Russland oder hohe Hafengebühren gelten als Untiefen.
Geblieben ist die Abhängigkeit von China: Der Handel mit der Volksrepublik wuchs im vergangenen Jahr um 0,7 Prozent auf 2,2 Millionen TEU. Erst mit weitem Abstand folgt die Nummer zwei, die Vereinigten Staaten mit 685 000 TEU und einem Plus von 5,0 Prozent. Die jüngste Elbvertiefung habe so gut wie nichts gebracht, heißt es in einer neuen Studie des früheren Chefs des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, Henning Vöpel, erstellt im Auftrag von Umweltverbänden. Die Daten der Hafenlobby HHM zeigen allerdings, dass mehr Riesenfrachter mit mehr Ladung die Elbe hochfahren.
Der von Peter Tschentscher (SPD) geführte rot-grüne Senat versucht zu steuern. Doch der »Hafenentwicklungsplan 2040«, der den Weg in die Zukunft weisen soll, bleibt vage. Ein neuer Containerterminal oder mehr Industrie? Mehr Dienstleistung, E-Commerce à la Amazon oder Wohnen? Der Baakenhafen, von den dicken Pötten der Neuzeit nicht erreichbar, wurde zugeschüttet und wird seither zum Wohnquartier umgebaut. Überragt wird das von der unvollendeten Bauruine, dem Elbtower des Immobilienhais René Benko. Vor Anker ging das von Anfang an umstrittene Prestigeprojekt, als Bundeskanzler Olaf Scholz Bürgermeister war, assistiert vom damaligen Finanzsenator Tschentscher.
Oder doch (noch) mehr Tourismus, mehr Kreuzfahrtschiffe? Allein 2024 gab es 266 Anläufe, darunter regelmäßig Ozeanriesen mit mehreren tausend Gästen. Insgesamt wurden 1,3 Millionen Passagiere gezählt. Der Senat will mehr davon. Derweil stöhnen Einwohner über die Touristenflut und Dauer-Events an Wochenenden. Ob die Gäste wirklich Geld in die Stadt bringen, wie der Senat behauptet, ist umstritten. Die Umweltbilanz der schwimmenden Städte ist jedenfalls verheerend. »Ihre schmutzigen Abgase – Feinstaub, Ruß, Stickoxide und Schwefeloxide – gefährden Gesundheit, Klima und Biodiversität«, beklagt der Naturschutzbund Nabu.
Gewerkschaften hoffen auf eine rosige Zukunft als Wasserstoff-Hochburg und Logistikzentrum für die Offshore-Windenergie. Einig ist sich die politische Opposition von links bis rechts in der Kritik am Einstieg der weltgrößten Reederei MSC bei der Hamburger-Hafen-und-Logistik AG. Der teilstaatliche HHLA-Konzern steht für rund drei Viertel des gesamten Hafenumschlags. Die italienisch-schweizerische Reederei verspricht mehr Ladung – Hanseaten fürchten um ihre Souveränität. Derweil betreibt die HHLA selber Terminals in drei Ländern. Und Hamburgs Flaggschiff, der traditionsreiche Reederei-Riese Hapag-Lloyd – an dem die Stadt auch beteiligt ist – hat die Milliardenprofite der Corona-Jahre in Terminalkäufe in aller Welt investiert.
Gemessen an Wirtschaftsleistung und Einkommen ist Hamburg bundesweit immer noch spitze. Gemessen an Investitionen, Beschäftigten mit Hochschulabschluss und Studierenden in technisch-mathematischen Berufen regiert bestenfalls Mittelmaß. Die wirtschaftsnahe Bürgerinitiative »Hamburg vor zur Welt« plädiert daher für einen innovativen Ausbau des größten zusammenhängenden Gewerbegebiets Deutschlands. Der hochgeschätzte frühere sozialdemokratische Bürgermeister Klaus von Dohnanyi fordert, das Ruder in Richtung Wissenschaft und Forschung herumzureißen: »Ich kann nicht erinnern, dass Silicon Valley einen Hafen hat.«
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