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Nenn mich Wellness
Grüße aus Bobostan: Gerd Sulzenbacher gelingt mit seiner Prosasammlung »Abriss« ein komisches Panoptikum der Wiener Hipster-Szene
Gerd Sulzenbacher zeichnet uns die Stadt Wien als Dantes »Inferno« in zweimal zwölf, zweimal elf Höllenkreisen. Doch auch wenn gelegentlich die »Schreie der Verdammten« zu hören sind, lebt es sich in dieser Hölle ganz kommod. Bewohnt wird sie bei ihm von untoten Yuppies ohne Ehrgeiz, die ihre Arbeit, wenn sie eine haben, lemurengleich in großen Institutionen verrichten, sich heimlich ins Dorf zurücksehnen, meistens streng auf ihre Gesundheit achten, jedoch wenn sie die Langeweile übermannt, Drogen nehmen und so leer sind wie bisweilen ihre Handys. Der Erzähler beispielsweise will immer nur liegen, liegen, liegen.
Liegen, liegen, liegen – das erinnert an Samuel Becketts »Murphy«, dessen Protagonist immer nur sitzt, sitzt, sitzt. Manche haben den Murphy und andere Figuren Becketts bemitleidet, weil sie in einer hohlen Existenz einbetoniert und lange vor ihrem physischen Ende tot zu sein scheinen. Das täuscht, denn »wer solche Langeweile pflegt, lebt glücklich«. Darf einer sitzen oder liegen, wird er jedenfalls nicht von Nebenkostenabrechnungen, Whatsapp-Nachrichten und Razzien gestört.
Eine Gestalt Sulzenbachers gleitet von einer »Sinnkrise« in die nächste, eine andere hält 14 Stunden am Stück Schönheitsschlaf – »nenn mich Wellness« –, wieder andere schauen »den Bäumen bei der Arbeit zu«. Geräumige Leere des Lebens ist ein Privileg, das die »Putzkraft«, die dem Erzähler auf dem Büroflur begegnet, oder die Proleten, die todmüde im Bus nach Hause geschüttelt werden, nicht genießen.
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Angesichts einer solchen Szene gibt es zwei mögliche Sprecherpositionen: eine, die auch stilistisch Teil dessen ist, was sie beschreibt. Nennen wir sie die Methode Christian Kracht. Die dieser entgegengesetzte Position entwickelt ein eigenes, oft manieristisches Idiom, um den Abstand zum Beschriebenen zu betonen und überzubetonen. Das ist die Methode Werner Kofler. Sulzenbacher bewegt sich exakt in der Mitte zwischen diesen beiden Möglichkeiten.
Einerseits meidet sein Erzähler die Designer-Cafés und die »qualvollen Smalltalk-Kreise«. »Alle machen Yoga«, er nicht. Andererseits artikuliert er sich meistens nicht viel anders, als es diejenigen tun, die ihn anekeln: »Er pflegte eine patente Verachtung gegenüber Karrieristys und hatte eine natürliche Losyfreundlichkeit.« Seine Sätze sind getrüffelt mit der typischen Albernheit (»Keuch«) und Unbeholfenheit (»zeitnah«) der urbanen Szene.
Es scheint, dass erst dank dieser Insider-Perspektive so glänzende Miniaturen wie diese gelingen können: »Während die Kellnerin die Bestellung aufnimmt, ist das Kind unter den Tisch gekrochen. Es streckt die leeren Hände aus und sagt: He, gebt mir Geld, ich bin ein Obdachloser.« Hier porträtiert sich eine selbstgefällige, wenn auch nicht immer solvente Schicht mit einer Vorliebe für »alte Gemüsesorten«, Kaffeespezialitäten, brüllenden Minimalismus, Luxusmode von Off-White und »Dolby-Surround-Natur«. »Sie haben Meinungen und scheuen nicht davor zurück, sie einander rücksichtsvoll mitzuteilen.«
Nicht jedem von ihnen ist das ganze Murphy-Glück beschieden, manch einer irrt wie der Erzähler untröstlich durch den »verlassenen Termitenbau« seines Bewusstseins. Ein degradierter Arbeitskollege stürzt sich gar aus seinen »Freizeitsorgen« in den frühen Tod. Aber für alle gilt: Es gibt kein Außen, Ekel zwar, aber keinen Konflikt, nur »äußerstes Einvernehmen«. Sowohl die Malocher als auch die Macher kennt man höchstens aus der Ferne. Nachrichten von Migration sickern zwar ein, aber das Bundesheer wird es schon richten.
Mit Prognosen sollten wir uns zurückhalten. Aber wenn nun Elon Musk die Institutionen abreißt, Friedrich Merz die Zivilgesellschaft mit dem eisernen Besen ausfegt und mit oder ohne Herbert Kickl auch in Österreich ein scharfer Wind weht, könnte es sein, dass das, was uns Gerd Sulzenbacher als Inferno malt, in Zukunft als »Paradiso« gilt, von dem auch die Yuppies nur mehr träumen können.
Gerd Sulzenbacher: Abriss. Prosa. Engeler, 162 S., br., 14 €.
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