Christin Willnat: Das Arbeiterkind

Eine Patchwork-Mutti aus der Platte kommt ins Parlament

  • Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.
Christin Willnat (Linke) aus Brandenburg: auch dieser Landesverband wächst.
Christin Willnat (Linke) aus Brandenburg: auch dieser Landesverband wächst.

Die Mutter ist von Beruf Verkäuferin, der Vater Straßenbahnfahrer – klarer Fall: Christin Willnat ist ein Arbeiterkind, geboren 1986 in Brandenburg/Havel. Als sie 1992 eingeschult wurde, zog die Familie aus beengten Verhältnissen eines Altbaus um in eine Vier-Zimmer-Wohnung in einem Neubaublock. Es war höchste Zeit, denn 1989 war ihr Bruder zur Welt gekommen. »Hohenstücken war wirklich wunderschön«, schwärmt die frischgebackene Bundestagsabgeordnete. »Als ich Kind war, habe ich mich da sehr wohlgefühlt.«

Das Stadtviertel gibt es noch. Es war nicht allein, aber auch für die Arbeiter des Stahlwerks und ihre Angehörigen errichtet worden. Doch der Block, in dem Christin Willnat lebte, wurde inzwischen abgerissen, wie nach der Wende so viel in ostdeutschen Plattenbaugebieten. Ihr Vater sei damals der letzte Mieter im Haus gewesen, der sich dagegen wehrte, ausziehen zu müssen, erzählt Willnat. Doch ihre alte Grundschule steht noch, auch wenn sie heute keine Bildungsstätte mehr ist. Das Gebäude wird als Bürgerhaus Hohenstücken genutzt.

Nach der 10. Klasse begann Christin Willnat eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau und wurde im dritten Lehrjahr gekündigt, war anderthalb Jahre arbeitslos, bevor sie ihren Berufsabschluss nachholen konnte. Später holte sie teils in einer Abendschule auch das Abitur nach und belegte an der Universität Potsdam das Fach Interdisziplinäre Russland-Studien. Alles nicht so einfach für eine »Patchwork-Mutti« mit vier Jungs, die nicht ihre leiblichen Kinder sind – die sie aber im Wahlkampf unterstützt haben und Freudensprünge machten, weil ihre Mutter unverhofft in den Bundestag einzog.

»Es war wirklich nicht absehbar«, bestätigt die 38-Jährige, die Platz drei auf der Landesliste der Linken wohl auch erhielt, weil kein Karrierist ahnen konnte, dass dies für ein Bundestagsmandat reichen würde. Es kommt beinahe ein bisschen ungelegen, weil Willnat kurz vor Abschluss ihres Studiums steht. Aber natürlich möchte Willnat das Mandat annehmen und ihr Bestes für ihren Wahlkreis geben. Sie ist herzerfrischend unverbraucht und spricht die Sprache der einfachen Leute. Anders als Russisch, das sie in der Schule anstatt Französisch lernte, beherrscht Willnat Politsprech überhaupt nicht und wird es sich hoffentlich nie angewöhnen.

Bislang betätigte sich die 38-Jährige als Integrationshelferin. Angefangen hat das mit Flüchtlingen aus Tschetschenien und Inguschetien, die sie zur Ausländerbehörde, zum Arzt oder zum Anwalt begleitete und ihnen bei der Wohnungssuche half. Sie hat dann auch Obdachlose unterstützt, eine Bleibe zu finden und Bewerbungen zu schreiben. Zu ihren Wahlkampfterminen gelangte Willnat nur einmal mit dem Auto, nahm ansonsten Bus und Bahn, um zu erfahren, wie das über Land so funktioniert. Es sei langwierig und zäh gewesen, bedauert Willnat. Das soll besser werden.

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