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Worum es in Trumps Zollkrieg geht
Autos, Solar, Computerchips – auf dem Weltmarkt herrscht Überfluss. Das verschärft den Kampf ums Wachstum
Der Tag der Befreiung steht bevor: Für kommenden Mittwoch hat US-Präsident Donald Trump den »Liberation Day« ausgerufen. Denn dann steht die nächste große Runde von Importzöllen auf dem Programm, die die US-Wirtschaft von lästiger Konkurrenz befreien soll. Trumps Handelskrieg gegen den Rest der Welt lässt einige Aufschlüsse über den Zustand des Weltmarktes zu.
Mit Zöllen verteuert die US-Regierung Importe und erschwert damit ausländischen Konkurrenten den Absatz auf dem größten Markt der Welt. Bereits beschlossen sind Zusatzzölle über 25 Prozent auf Einfuhren aus Kanada und Mexiko, das nannte der britische »Economist« den »extremsten und gefährlichsten Akt des Protektionismus seit einem Jahrhundert«. Dazu kommen weitere Zölle von zehn Prozent gegen China, 25 Prozent Zoll gegen Stahl- und Aluminiumexporte aus der ganzen Welt und diese Woche gab es noch einmal 25 Prozent auf Importe von Autos und Autoteilen – und zwar auf Dauer. Sollten betroffene Länder wie Kanada oder die EU mit Gegenzöllen reagieren, warnte Trump, würden weitere Maßnahmen in Kraft treten.
Die EU als Teil der »dreckigen 15«
Nächste Woche dann fällt der große Hammer. Denn am 2. April sollen die »reziproken« Zölle verkündet werden. Sie sollen die laut Trump »unfairen« Handelsbeziehungen mit den wichtigsten Importeuren auf eine neue Grundlage stellen. Im Fokus stehen laut Commerzbank zunächst die von US-Finanzminister Scott Bessent so genannten »Dirty 15«-Länder, unter anderem die EU, China, Japan und Südkorea. »Die USA wollen für jedes Land offenbar einen Zollsatz berechnen, der nicht nur die von den Handelspartnern auf US-Waren erhobenen Zölle berücksichtigt, sondern auch nicht-tarifäre Handelshemmnisse wie Einfuhrquoten«, erklärt die Commerzbank. »Verschiedentlich wird sogar die Mehrwertsteuer als eine Art Zoll auf die Einfuhren von US-Waren gewertet.«
Der Begriff »reziprok« suggeriere Fairness, erklärt das Peterson Institute for International Economics, doch sei die US-Politik alles andere als fair. »Eine zutreffendere Charakterisierung des Ansatzes wäre: willkürliche einseitige Zölle, die ohne jeglichen Bezug auf bestehende Verpflichtungen der Welthandelsorganisation oder Freihandelsabkommen eingeführt werden.«
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Unter den Zöllen dürften nicht nur die Konkurrenten der USA leiden, sondern auch die US-Wirtschaft selbst. Denn sie machen Importe teurer, die Inflation steigt. Betroffen sind auch US-Konzerne, die im billigeren Ausland produzieren lassen. Zudem macht die US-Politik das gesamte globale Geschäft für Unternehmen unsicher. Gewarnt wird vor einer »Trumpcession«, einer Rezession in den USA. Das Kapital murrt: Laut einer neuen Umfrage sind 85 Prozent aller Firmenchefs in den USA gegen Trumps Zolloffensive.
Welche Ziele Trump verfolgt
Doch das nimmt die US-Regierung in Kauf. Für sie sind die Zölle der Preis, den sie ihrer Gesellschaft auferlegt, um verschiedene Ziele zu erreichen: staatliche Zolleinnahmen, Schädigung der ausländischen Konkurrenz, Schutz der heimischen Industrie, Öffnung ausländischer Märkte und die Verlagerung von Produktionsstätten weltweit in die USA. Dazu kommen außenpolitische Ziele wie die Disziplinierung Venezuelas oder die Behinderung des Aufstiegs Chinas. Ob die USA damit erfolgreich sind oder nicht, wird sich zeigen. erfolgreich oder nicht, wird sich zeigen. Auf jeden Fall ist der Handelskrieg ein Zeichen für den Zustand des Weltmarktes.
Der »freie« Welthandel, in dem der Erfolg nur eine Frage von Preisen, Kosten und Erträgen ist, geht für die USA offenbar nicht mehr auf – zu große Anteile seiner Erträge fallen im Ausland an. Das will Trump umdrehen. Mit seinen Zöllen versperrt er ausländischen Konkurrenten den Zugang zum US-Markt und damit zu einem Großteil der globalen Nachfrage. Sie ist tatsächlich derzeit das »knappe Gut«. Angebot an Gütern ist überreichlich vorhanden: Es gibt von allem zuviel, von E-Autos über Solarpaneele bis Computerchips.
»Am 2. April ist der Tag der Befreiung, ich freue mich darauf.«
Donald Trump US-Präsident
Die Anzeichen der Überproduktion sind allgegenwärtig: Unternehmen klagen über Nachfragemangel und unausgelastete Produktionskapazitäten, in vielen Branchen herrschen daher Preiskriege. Eine Folge: Pleitewellen. Laut Allianz Research sind die globalen Insolvenzen 2024 um zehn Prozent gestiegen. Für die USA wird dieses Jahr ein weiterer Anstieg um elf Prozent prognostiziert, für Deutschland und Italien um zehn bis 17 Prozent.
Wachstum – auf Kosten der anderen
Daraus ziehen die USA wie auch alle anderen Ländern den Schluss, dass sie gerade wegen der Überproduktion mehr produzieren müssen. Denn alle brauchen das Wachstum. Sie agieren daher nach der Devise des ehemaligen BMW-Chefs Eberhard von Kuenheim: »Es gibt zu viele Autos auf der Welt, aber zu wenig BMW.« Um das ersehnte Wachstum zu schaffen, müssen angesichts des Nachfragemangels die Konkurrenten geschädigt werden – Wachstum gibt es nicht mehr für alle. Daher wird allerorten die »Wettbewerbsfähigkeit« der heimischen Unternehmen gestärkt.
Die USA können dabei Handelsbeschränkungen als Waffe einsetzen, weil fast alle Länder sie als Absatzmarkt brauchen. Trumps Zölle sollen zum einen die heimische Nachfrage für US-Unternehmen reservieren. Zum anderen dienen sie als Druckmittel, damit andere Länder ihre Märkte öffnen und ihre Nachfrage zur Wachstumsquelle von US-Kapital wird. Damit will Trump die anstehende Entwertung des Kapitals – unter anderem in Form von Unternehmenspleiten – auf das Ausland verlagern und so amerikanische Arbeitsplätze sichern. Dabei zeigt die globale Überproduktion, dass weltweit bereits zu viel gearbeitet worden ist – zu viel gemessen am Anspruch des Wachstums.
So wird der globale Reichtum dem Kapital zur Last. Und die Staaten setzen ihre Macht ein, um die verbleibenden Quellen des Wachstums für die heimischen Unternehmen zu reservieren. Das führt zum Wirtschaftskrieg – und zur Aufrüstung. »Der Ausblick für die globale Konjunktur«, so fasst es die niederländische Großbank ABN Amro zusammen, »wird vernebelt durch das wachsende Risiko einer Rezession in den USA und den wachsenden Militärausgaben Europas.«
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