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»Nah bei Dir«: In einer großen Einsamkeit
Gesammelte Briefe aus dem tragischen Alltag der Schriftstellerin Adelheid Duvanel
Die 1996 verstorbene Schweizer Autorin und Malerin Adelheid Duvanel wurde in den vergangenen Jahren wiederentdeckt. Ihre verstörenden Erzählungen, in denen die Autorin auf nur ein bis drei Seiten Alltagsdramen wie aus einer anderen Welt mit unvergleichlich metaphorischer Sprache entwarf, wurden im deutschsprachigen Raum posthum euphorisch gefeiert. In ihnen versuchen Menschen, in einer ihnen feindlichen Welt klarzukommen. »Ich schreibe in einer großen Einsamkeit, und ich lebe in einer großen Einsamkeit« hat Duvanel über sich selbst in einem Brief geschrieben, der sich in einer neuen, von Angelica Baum herausgegebenen Sammlung ihrer Briefe findet.
2021 war im Limmat-Verlag »Fern von hier« erschienen, ein kompakter Band mit allen Erzählungen der Autorin. Der Buchtitel brachte die Diskrepanz zwischen gelebter und empfundener Wirklichkeit in der Sprache von Duvanel kongenial auf den Punkt. Diese musste das Drama nicht erst erfinden, denn ihr Leben war eine einzige Tragödie, nur vereinzelt von Glücksmomenten durchzogen. Die Sammlung ihrer Briefe, die sie von 1978 bis 1996 geschrieben hat, trägt nun den Titel »Nah bei Dir«, was durchaus passend erscheint, da sie in ihnen stets versucht, mit intimsten Details gefüttert, eine Nähe zu den Adressatinnen und Adressaten herzustellen.
Geboren 1936 in einer bürgerlichen Familie und aufgewachsen in der Kleinstadt Pratteln machte Duvanel schon in ihrer Jugend Erfahrung mit der Psychiatrie. Sie wurde sowohl mit Insulinspritzen als auch mit Elektroschocks behandelt. Ihre 1962 geschlossene Ehe mit dem Maler Joseph (Joe) Duvanel, aus der die 1964 geborene und mit dem Vornamen der Mutter benannte Tochter stammt, verlief nicht harmonisch. Dennoch spielte der Ehemann, der mit einer anderen Frau zusammenlebte, bis zu seinem Suizid 1982 eine wichtige Rolle für die Autorin. Das toxische Verhältnis zu ihm, ihre permanente Geldknappheit oder gar Armut und die Sorge um ihre drogenabhängige Tochter, die so hieß wie sie und die mit 20 Jahren ein Kind gebar und dann an Aids erkrankte – das alles kostete sie immense Kraft und Substanz, wie man in den Briefen lesen kann.
Immer wieder begibt sie sich zur »Erholung« in die Psychiatrie, um ihrem höchst problematischen Alltag zu entfliehen. 1996 erleidet sie eine Amnesie, erinnert sich nicht einmal daran, dass sie eine Enkelin hat und wird im Sommer tot in einem Wald bei Basel aufgefunden, gestorben an Unterkühlung »unter Medikamenteneinfluss«.
Der Band eröffnet mit einem wichtigen Brief an Otto F. Walter, der auf Duvanels Texte in Baseler Zeitungen aufmerksam wurde und die verheißungsvolle Autorin dem ihm verbundenen Luchterhand-Verlag empfahl. Die meisten Briefe richten sich an die Freundin und Berner Autorin Maja Beutler und an Duvanels Lektor Klaus Siblewski beim Luchterhand-Verlag. Bei fortschreitender Lektüre wird deutlich, dass Duvanel ihre Adressaten doch über eine erträgliche Grenze hinaus mit ihrem Schicksal belastete. Maja Beutler und auch der Luchterhand-Lektor Siblewski unterstützten sie immer, vor allem Beutler sandte der permanent klammen Duvanel oft Geldbeträge und auch Pakete mit Nahrungsmitteln.
Erstaunlicherweise finden sich in dieser Briefe-Sammlung auch liebevolle Schreiben an ihren jähzornigen Ex-Ehemann Joe Duvanel, den sie mit wechselnden Kosenamen wie »Rollboll«, »Robombo« oder »Grolo« anspricht. Von ihrer Tochter Adelheid, die sie in ein Sanatorium für Asthmakranke in Davos begleitete, schreibt sie als »Jä-Jä« oder »Ju-Ju«.
Joe Duvanel scheint sie trotz der Ende der 60er Jahre erfolgten Trennung bis hin zur Selbstverleugnung verbunden gewesen zu sein, sodass sie ihm trotz aller von ihm kassierten Demütigungen noch 1979 schreiben konnte, dass sie niemanden so lieben könnte wie ihn: »Meine Kussi sollen wie ganz schöne, samtene Nachtfalter zu Dir schweben und Deine Wimpern kitzeln mit ihren leichten Flügeln.«
Das Gros der Briefe ist gezeichnet von intimsten Offenbarungen über erlebte Tragödien Duvanels. Die Suche nach Nähe zu Menschen und die Unmöglichkeit, diese herstellen zu können, durchzieht thematisch die Korrespondenz vor allem mit Maja Beutler. Eine intime Nähe vermag Duvanel eigentlich nur in den Briefen an sie herzustellen. In einem Brief aus dem Spätsommer 1981 hofft sie, »dass wir uns gegenseitig nicht ›schonen‹, das heißt, keine falsche Scheu haben, uns zu offenbaren«.
Angelica Baum (Hg.): Adelheid Duvanel, Nah bei Dir. Briefe 1978–1996. Limmat-Verlag, 896 S., geb., 44 €.
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