Drehen an der Ölpreisschraube

Während die US-Regierung bestimmte Ölimporte begrenzen will, versucht das Förderkartell Opec dagegenzuhalten

Öl aus Kasachstan wird auch in der PCK-Raffinerie im brandenburgischen Schwedt verarbeitet.
Öl aus Kasachstan wird auch in der PCK-Raffinerie im brandenburgischen Schwedt verarbeitet.

Die Inflationsrate in Deutschland ist im März leicht gesunken, von 2,3 auf 2,2 Prozent. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts von Anfang der Woche steigen Nahrungsmittel weiter im Preis, aber Energie wird etwas günstiger. Es waren gerade die Preise vor allem für Öl und Erdgas, welche 2022/23 die Inflationsrate bis auf rund 9 Prozent ansteigen ließen. In einigen kleineren EU-Ländern erreichten die Preissteigerungen sogar zweistellige Raten. Vorausgegangen waren der Ukraine-Krieg, die Sprengung der Ostsee-Pipeline Nord-Stream und Sanktionen der Europäischen Union, welche Öl- und Gaslieferungen aus Russland großteils unterbanden.

Seither schauen Statistiker, Ökonomen und Bankanalysten besonders besorgt auf ein Wiener Verwirrspiel. An ihrem Hauptquartier hatte die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) Mitte März aktualisierte Zahlen zu ihren »kompensierenden Produktionskürzungen« veröffentlicht. Das Kartell fungiert mittlerweile als Opec+, da neben den zwölf regulären Mitgliedern aus Arabien und Afrika andere wichtige Förderländer wie Russland, Kasachstan und Mexiko mitmischen.

Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Sorte Brent pendelte seit Anfang März eng um die Marke von 70 US-Dollar (2022/23: bis zu 120 Dollar). Die hohe Produktion der zurückliegenden Monate hatte den Preis gedrückt – Folge einer schwächelnden Weltkonjunktur, der Krise in Nahost und fehlender Disziplin im Öl-Kartell. Die Überproduktion von sieben Ländern summiert sich schätzungsweise auf 4,2 Millionen Barrel pro Tag. Davon entfallen knapp ein Viertel auf Kasachstan und sogar die Hälfte auf den Irak. Im März sollte die Produktion um insgesamt 199 000 Barrel pro Tag reduziert werden, danach jeden Monat etwas stärker, bis im September mit 435 000 Barrel pro Tag das Maximum erreicht wird. Sollten sich die Länder an die Abmachung halten, woran Experten zumindest bei Irak und Kasachstan zweifeln, würde die eigentlich seit Dienstag geltende schrittweise Anhebung der Opec-Ölproduktion damit teilweise konterkariert.

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Widersprüchliche Signale aus Wien spiegeln die widersprüchliche geopolitische Lage wider. Die Opec war 1960 auf Initiative von Saudi-Arabien gegründet worden. Die Erschließung immer neuer Quellen hatte zu einem Überangebot auf dem Weltmarkt und zu niedrigen Preisen geführt. Das Kartell sollte die Fördermenge kontrollieren und so nachhaltig für auskömmliche Preise sorgen, die zugleich den langfristigen Interessen der Staaten nützen. Dabei hatte die Opec eine anti-westliche Ausrichtung und wollte den angelsächsischen und französischen Ölkonzernen, die in den früheren Kolonien förderten, das Geschäft verderben.

Seit Mitte März sind die Ölpreise wieder deutlich gestiegen. Aktuell kostet ein Barrel der Sorte Brent über 74 Dollar. Dazu beigetragen hat US-Präsident Donald Trump, der mit sogenannten Sekundärzöllen gegen Länder droht, die venezolanisches Öl kaufen. Ins Visier genommen hat Trump auch Kanada und Mexiko. Demnach sollen US-Raffinerien einen Zollsatz von 10 Prozent bei der Einfuhr von Rohöl aus Kanada und von 25 Prozent für Rohölimporte aus Mexiko zahlen. Darüber hinaus steht weiterhin eine Verschärfung der Sanktionen gegen den Iran im Raum.

Es sind also die Sorgen vor einer zukünftigen Angebotsverknappung, welche die Preise treiben. Noch ist allerdings unklar, wie viel Rohöl in den kommenden Wochen und Monaten tatsächlich auf den Markt drängt. Selbst wenn die Opec+ ihre Produktion in den Griff kriegt, könnten Entwicklungen in den Vereinigten Staaten den Zugriff des Kartells auf die Preise aber wieder lockern. Waren die USA jahrzehntelang der größte Importeur von Öl und Gas, sind sie seit 2018 Netto-Exporteur. Inzwischen fördert kein Land mehr Öl als die USA, selbst Saudi-Arabien nicht.

Trump, der einerseits die Fördermengen von Opec-Staaten wie Venezuela und Iran zu beschneiden versucht, hat andererseits eine Öl-Offensive gestartet. Ziel ist es, die Preise für Tanken und Heizen in den USA zu drosseln, auch um der preistreibenden Wirkung der Zollpolitik entgegenzuwirken. Mittel der Wahl ist die Deregulierung: Die Trump-Administration hat den Stopp für neue Exportlizenzen bereits aufgehoben und will mehr Bundesstaaten für neue Förderprojekte freigeben. Im Jahr 2024 lag die durchschnittliche Öl-Tagesproduktion der USA bei 13,3 Millionen Barrel – Trump will es um drei Millionen Barrel ausdehnen. Ob die neue US-Politik Auswirkungen auf die Inflationsrate in Deutschland hat, wird sich zeigen.

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