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  • Kriminalitätsstatistik für 2024

Weniger angezeigte Straftaten

Cannabis-Legalisierung sorgte 2024 bei Polizei für Entspannung, manch andere Delikte nahmen aber zu

Erstmals dokumentiert die PKS mit Messern begangene Taten. Deutschlandweit zählt das BKA für 2024 rund 29.000 Fälle.
Erstmals dokumentiert die PKS mit Messern begangene Taten. Deutschlandweit zählt das BKA für 2024 rund 29.000 Fälle.

Es ist Frühjahr, also Zeit für die Polizeilichen Kriminalstatistiken (PKS), die derzeit in Ländern und Kommunen veröffentlicht werden. Am Mittwoch hat auch das Bundeskriminalamt (BKA) diese Zahlen zu allen in Deutschland registrierten Straftaten vorgelegt. Demnach sind diese 2024 um 1,7 Prozent auf 5,8 Millionen Fälle gesunken. Der Rückgang geht hauptsächlich auf die Teillegalisierung von Cannabis zurück.

Die Gewaltkriminalität steigt laut den Polizeibehörden von Bund und Ländern um 1,5 Prozent auf rund 217 000 Fälle, was einen neuen Höchststand seit 2007 markiert. Die Zahl tatverdächtiger Kinder stieg um 11,3 Prozent, die der Jugendlichen um 3,8 Prozent. Zudem verzeichnet die Statistik einen Anstieg bei Sexualdelikten um 9,3 Prozent. Es gab 2024 auch deutlich mehr angezeigte Beleidigungen.

Im Jahr 2024 wurden über 900 000 nichtdeutsche Tatverdächtige registriert, was einen leichten Rückgang darstellt. Ihr Anteil an sämtlichen Tatverdächtigen stieg jedoch leicht auf 41,8 Prozent. Dazu weist das BKA darauf hin, dass auch der Anteil der Ausländer*innen an der Bevölkerung im Verlauf des Jahres zugenommen hat. Zudem könnten viele der ihnen zugerechneten Verstöße von Deutschen gar nicht begangen werden. Würden diese herausgerechnet, sinke die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen um ein gutes Viertel. Gestiegen sei aber die Gewaltkriminalität durch diese Bevölkerungsgruppe um 7,5 Prozent.

Dazu es gibt weitere Einschränkungen bei der Interpretation dieser Zahlen: Egal welcher Herkunft sei die »Kriminalitätsbelastung« bei jungen Menschen und bei Männern »deutlich überdurchschnittlich«, erklärt auch das BKA. Da die PKS einen höheren Anteil dieser Bevölkerungsgruppen aufweist, ergibt sich allein dadurch eine höhere Quote. Auch psychische Belastungen oder eigene Gewalterfahrungen in der Kindheit seien bei Nichtdeutschen häufiger zu finden – wie auch »positive Einstellungen gegenüber Gewalt«.

Jüngst hat eine Studie des Ifo-Instituts belegt, dass Nichtdeutsche häufiger in Ballungsgebieten leben, wo aus anderen Gründen Kriminalität öfter erfasst wird. So schreibt es nun auch das BKA in einer Erläuterung zur PKS: Personen mit Migrationsgeschichte seien stärker von einer »nachteiligen räumlichen und ökonomischen Lebenssituation« betroffen.

Schließlich erfasst die PKS nur Straftaten, von denen die Polizei Kenntnis erlangt hat – das sogenannte Hellfeld. Forschungen belegen aber, dass Straftaten, an denen als »migrantisch« wahrgenommene Personen beteiligt sind, merklich häufiger angezeigt werden. Nachweislich werden sie von der Polizei auch öfter kontrolliert sowie als tatverdächtige Ausländer*innen öfter in ihren Mitteilungen genannt als Deutsche.

Für Kontroversen dürfte auch sorgen, dass die PKS erstmals auch die Kategorie »Messerangriffe« enthält – über derartige Taten berichten Medien doppelt so häufig, wenn sie von Nichtdeutschen begangen werden, wie eine Analyse von Fällen in München und Mannheim kürzlich ergab. Die Kriminalstatistik zählt für 2024 deutschlandweit 29 014 Taten mit Messern. Sie verteilen sich auf Gewaltkriminalität (54,3 Prozent), Bedrohung (43,3 Prozent) und sonstige Straftaten wie Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte oder Nötigung (2,4 Prozent). Bei gefährlichen und schweren Körperverletzungen mit Messer beobachtet das BKA einen Anstieg von 10,8 Prozent, bei allen anderen schweren Delikten werden eine Stagnation oder sogar ein Rückgang verzeichnet.

Am Dienstag haben deutsche Bürgerrechtsgruppen und -organisationen in einem Offenen Brief grundsätzliche Kritik an der PKS geübt. Diese differenziere nicht hinreichend zwischen einmaligen und wiederholten Taten. Auch würden soziale Hintergründe oder strukturelle Ursachen nicht angemessen berücksichtigt. Zu Armutskriminalität führende soziale Marginalisierung finde zu wenig Beachtung.

In der »FAZ« hat Tobias Singelnstein, der an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main als Professor für Kriminologie und Strafrecht tätig ist, darauf verwiesen, dass die PKS nicht die Kriminalitätswirklichkeit abbildet, sondern nur Auskunft über die Tätigkeit der Polizei gibt. Dieses »Hellfeld« werde verzerrt, da die angezeigten Verdachtsfälle nicht nur stark davon abhingen, »was Menschen als Kriminalität bewerten und für relevant halten«. Auch Schwerpunktsetzungen von Polizei und Politik könnten für steigende Zahlen sorgen.

Auch der Kriminologe Thomas Feltes attestiert der jährlichen PKS in einem Interview mit dem Magazin »Chrismon« methodische Probleme. So gebe es eine bis zu 50-fach größere Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Kriminalitätsgefährdung und dem subjektiven Sicherheitsgefühl der Bevölkerung, wie eine von ihm durchgeführte Studie gezeigt habe. Diese Furcht führt Feltes auf ein allgemeines »Treibsandgefühl« zurück, das durch multiple gesellschaftliche Krisen wie Klimawandel, Migration und soziale Ungleichheit verstärkt wird.

Besonders kritisch sieht Feltes die mediale und politische Instrumentalisierung spektakulärer Einzelfälle, die etwa bei Taten mit Messern ein »Pingpongspiel zwischen Politik und Medien« in Gang setze. Dabei würden bestimmte Deliktsbereiche überproportional in den Fokus gerückt, während andere wie häusliche Gewalt unterbelichtet blieben – obwohl laut Feltes »drei Viertel aller Gewalttaten« im familiären Umfeld stattfinden.

Singelnstein plädiert dafür, in der PKS statt von »Straftaten« besser von »Verdachtsfällen« zu sprechen. Der Kriminologe fordert eine sachlichere, entdramatisierende Debatte zum Thema Kriminalität – schließlich lebe man in einem der sichersten Länder der Welt. Zudem brauche es eine Verlaufsstatistik für die angezeigten Straftaten, aus der deutlich wird, ob es auch zu einer Verurteilung kommt. Dem schließt sich Feltes an und verweist darauf, dass etwa 70 Prozent der erfassten Fälle bereits von der Staatsanwaltschaft eingestellt werden.

In der PKS »vollkommen unterbelichtet« sei zudem die Wirtschaftskriminalität, erinnert Singelnstein. Ebenfalls vernachlässigt werde die Umweltkriminalität, bemängeln die Bürgerrechtler*innen in ihrem Offenen Brief.

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