Die Kinder von Bad Sachsa

NS-Behörden nahmen die Familien der Attentäter des 20. Juli 1944 in Sippenhaft. Der Nachwuchs kam in ein Heim im Harz

  • Reimar Paul, Bad Sachsa
  • Lesedauer: 7 Min.
Eigentlich wurden die Häuser in Bad Sachsa als Erholungsheim errichtet. Aber im August 1944 internierten NS-Behörden dort 46 Kinder.
Eigentlich wurden die Häuser in Bad Sachsa als Erholungsheim errichtet. Aber im August 1944 internierten NS-Behörden dort 46 Kinder.

Munter plätschert das Flüsschen Uffe über Steine. Die Eisdiele hat ihre Tische und Stühle ins Freie gestellt, Touristen sitzen vor einem Erdbeerbecher, daneben studiert ein Senior die aktuelle Ausgabe des »Harzkurier«. Es ist ein sonniger Vorfrühlingsvormittag im Kurort Bad Sachsa am Südrand des Harzes.

Hinter der freundlichen Fassade des Städtchens verbirgt sich eine Geschichte, die lange Zeit im Schatten der deutschen Erinnerungskultur stand. Wenige hundert Meter von der Stadtgrenze entfernt, im Borntal, wurden im Sommer 1944 Kinder versteckt, deren Väter versucht hatten, Hitler zu stürzen.

Am 20. Juli 1944 explodierte um 12.42 Uhr im Führerhauptquartier »Wolfsschanze« in Ostpreußen eine Bombe. Der Wehrmachtsoffizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg hatte sie in einer Aktentasche deponiert, um Hitler zu töten. Doch der überlebte leicht verletzt. Das Attentat war gescheitert, ebenso der von Militärs und Zivilisten geplante Staatsstreich, die »Operation Walküre«. Das Ziel war ein sofortiges Ende des von Deutschland losgetretenen Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Kriegs- und Gewaltverbrechen.

Die NS-Maschinerie setzte alles in Bewegung, um die Verschwörer zu vernichten. Stauffenberg und weitere Beteiligte an dem Umsturzversuch wurden in den folgenden Tagen hingerichtet, später noch rund 400 weitere tatsächliche oder vermeintliche Mitverschwörer, darunter 20 Generäle, zwei Botschafter, ein Minister sowie der Chef des Reichskriminalpolizeiamtes, Arthur Nebe. Auch vor den Familien machten die Nazis nicht Halt. Während erwachsene Angehörige in »Sippenhaft« kamen, gefoltert und teils ebenfalls hingerichtet wurden, gerieten auch ihre minderjährigen Kinder ins Visier der Gestapo.

Adolf Hitler (3.v.r) besichtigt den Bunker nach dem Attentat.
Adolf Hitler (3.v.r) besichtigt den Bunker nach dem Attentat.

In den letzten Julitagen des Jahres 1944 ließ das Reichssicherheitshauptamt das Kinderheim »Bremen« der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt im Borntal überstürzt räumen. 200 Kinder und Jugendliche, die dort ihre Ferien verbrachten, sowie einige Dutzend Schwesternschülerinnen mussten die auf einer Waldlichtung am Ortsrand gelegenen Gebäude verlassen.

Gestapo-Männer durchsuchten das Gelände nach möglicherweise Versteckten und verpflichten die Kindergärtnerinnen zu absolutem Stillschweigen über den Grund der hastigen Aktion: Im Heim sollte Platz geschaffen werden für die Kinder der Verschwörer des 20. Juli sowie von Mitgliedern des Nationalkomitees »Freies Deutschland«, einer antifaschistischen Organisation von deutschen kriegsgefangen Soldaten. Eine Dauerausstellung in der Tourist-Information von Bad Sachsa dokumentiert das Schicksal von Dutzenden verschleppten Mädchen und Jungen.

Das Städtchen hatte sich in den Jahren zuvor zu einem Stützpunkt der NSDAP im Parteikreis Nordhausen-Südharz entwickelt. Bad Sachsa liegt in der Nähe des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora, wo Häftlinge unter der Erde Teile der angeblichen Wunderwaffe V 2 zusammensetzen mussten. Gestapo und SS hatten in dem Hochsicherheitsgebiet praktisch unbegrenzte Vollmachten.

Ab Mitte August 1944 trafen die ersten Kinder in den inzwischen geräumten Häusern ein. Insgesamt wurden dort, nach Alter und Geschlecht getrennt, 46 Mädchen und Jungen festgehalten. Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld war mit damals 15 Jahren das älteste der in den Südharz verschleppten Kinder. Als die Gestapo am 7. August in das Haus seiner Familie kam, habe er höflich gefragt, was die Beamten denn wollten, berichtete er bei der Ausstellungseröffnung. Völlig verdutzt von dieser Frage, hätten die Geheimpolizisten etwas von einer Ferienreise gemurmelt. Mit dem Zug habe ihn seine Reise dann zuerst in das Gefängnis nach Güstrow in Mecklenburg geführt, von dort sei es weitergegangen nach Bad Sachsa. Der heute 96-jährige Schwerin wurde später Präsident der Johanniter-Unfallhilfe.

Nach der Ankunft mussten die Kinder alle persönlichen Erinnerungsstücke, Fotos von Eltern und Geschwistern und Briefe abgeben. Sie erhielten neue Familiennamen, die jüngsten auch neue Vornamen. Die Kindergärtnerinnen wurden angehalten, die Identitäten der Jungen und Mädchen und ihre familiären Bindungen zu zerstören. Bei Schwerin scheiterte das: »Mein Bruder, der meine alte Lederhose trug, in der mein Name stand, zeigte diese jedem mit dem Hinweis, dass er zwar nicht sagen darf, wer er sei, sie aber ja lesen könnten.«

Die Kinder durften das Gelände nicht verlassen oder mit den Einwohnern der Stadt sprechen. »Es war schrecklich, wie geheim wir gehalten wurden, keinen Schritt alleine vor die Tür, ja mit niemandem reden und um Gottes willen nichts über Namen und Herkunft verlauten lassen«, heißt es in einem Tagebucheintrag der damals zwölfjährigen Christa von Hofacker.

Die Kindergärtnerinnen wurden angehalten, die Identitäten der Jungen und Mädchen und ihre familiären Bindungen zu zerstören.

Drei Monate später, im Oktober 1944, wurden viele der »Sippenhäftlinge« überraschend entlassen. Die Kinder freigelassener Mütter konnten zu ihren Familien zurückkehren. Für die übrigen wurden die Regeln etwas gelockert. Sie erhielten zu Weihnachten kleine Geschenke, Christa bekam sogar einen Hund. Doch die Kinder hatten Heimweh. »Der Gesang und der ganze Hauch des Heiligen Abends stimmte wehmütig«, schrieb Christa. »Alfred (von Hofacker) neben mir brach fassungslos in Tränen aus – ich konnte ihm nicht helfen.« Der Vater der Geschwister, Caesar von Hofacker, war ein Cousin Stauffenbergs. Vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt, wurde er am 20. Dezember 1944 in Berlin-Plötzensee am Galgen hingerichtet.

Der Krieg lag in den letzten Zügen, als die Wehrmacht Ende Januar 1945 fast alle Gebäude des Kinderheims beschlagnahmte und zu einem Stabsquartier umfunktionierte. Der NS-Staat befand sich bereits im Niedergang. Heimleiterin Elsa Verch erhielt den Auftrag, die verbliebenen 14 Kinder ins KZ Buchenwald zu bringen, wo immer noch viele ihrer Mütter und Verwandten interniert waren. Gerade als der Lastwagen Bad Sachsa verließ, starteten Flugzeuge der Alliierten einen Großangriff auf das nahe gelegene Nordhausen. Auch Straßen und Bahnverbindungen wurden bombardiert, der Lastwagen musste umkehren und brachte die verängstigten Kinder nach Bad Sachsa zurück.

In Briefen, Aktenvermerken und auf Fotos können Besucher der Ausstellung nachverfolgen, wie der Wehrmachtstab das Gelände wieder an das Kinderheim zurückgab und nach Bayern floh. Die Kinder und einige Betreuerinnen blieben alleine zurück.

Es dauerte mehrere Wochen, bis am 12. April 1945 die US-Army Bad Sachsa besetzte. Der neu ernannte Bürgermeister Willi Müller, ein Sozialdemokrat, der gerade aus dem KZ entlassen worden war, hielt eine Rede und eröffnete den Kindern, dass sie nun frei seien. Christa von Hofacker schrieb: »Er sagte wörtlich: ›Und jetzt heißt ihr so wie früher. Ihr braucht euch eurer Namen und Väter nicht zu schämen, denn sie waren Helden!‹.« Müller sollte später die vormalige Heimleiterin Verch heiraten.

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Die meisten Kinder konnten erst im Sommer oder Herbst 1945 aus Bad Sachsa zu ihren Müttern oder Verwandten zurückkehren. Als letzte wurden Hildegard Gehre und Renate Henke, Tochter und Stieftochter des im KZ Flossenbürg ermordeten Offiziers Ludwig Gehre, im November zu einem Onkel auf die Nordseeinsel Föhr gebracht. Im Lager hatten die beiden Mädchen die Nachnamen Georgi und Heine erhalten.

Lange Zeit wollte in Bad Sachsa niemand über die Kinder und ihre Schicksale sprechen. Diejenigen, die etwas darüber wussten, schwiegen beharrlich. Die Attentäter des 20. Juli wurden von der Kriegsgeneration nicht als Helden gefeiert, sondern als »Vaterlandsverräter« gebrandmarkt. Ihre Rehabilitierung wurde viele Jahre verzögert, die Hinterbliebenen müssen mit geringen Renten auskommen.

Erst 2016 organisierte Bad Sachsas damaliger CDU-Bürgermeister Axel Hartmann, der als Konsul an der westdeutschen Botschaft in Budapest in den 80er Jahren DDR-Bürgern zur Ausreise verhalf, bei der Bundesregierung finanzielle Unterstützung für die Ausstellung. Sie wurde noch im selben Jahr eröffnet.

In die Gebäude des Kinderheims »Bremen« zog nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst ein Kinderkrankenhaus, Kinder aus dem ausgebombten Dresden waren 1945 die ersten Patienten. 1992 wurde das Hospital geschlossen, seitdem stehen die Häuser verlassen am Waldrand. Die Wände sind aus dunklem Holz, die Dächer weit heruntergezogen – wie eine Kappe, die das Gesicht verbergen soll. Der Leerstand bekommt den Häusern nicht. Die meisten sind beschädigt und verfallen. Seit 2016 stehen sie unter Denkmalschutz. In einem der Gebäude will die Stadt nun eine Gedenkstätte einrichten. Förderzusagen von Bund und Land in Höhe von rund 1,43 Millionen Euro liegen bereits vor, 830 000 Euro will die Kommune noch bei Unternehmen oder Stiftungen einwerben.

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