Obdachlosenverein fiftyfifty: Kein bisschen leise

Der Düsseldorfer Obdachlosenverein fiftyfifty feiert seinen 30. Geburtstag

Die Hälfte des Erlöses des Straßenmagazins »fiftyfifty« geht an die Obdachlosen, die es verkaufen. Die andere Hälfte an den Verein.
Die Hälfte des Erlöses des Straßenmagazins »fiftyfifty« geht an die Obdachlosen, die es verkaufen. Die andere Hälfte an den Verein.

Wie stände es mit der Unterstützung von Obdachlosen in Düsseldorf – ohne fiftyfifty? »Undenkbar«, sagen viele. Auch die Band Die Toten Hosen steht dem Verein seit vielen Jahren nahe, Frontmann Campino wirbt mit seinem Konterfei für das Straßenmagazin. Vor 30 Jahren entstand die Initiative in Nordrhein-Westfalens Landeshauptstadt. Längst ist sie zu einem weit über die Stadtgrenzen Düsseldorfs hinaus geschätzten Verein mit diversen Projekten für Obdachlose geworden.

Die Idee ist simpel wie gut. Obdachlose verkaufen Hefte in Düsseldorf und den Nachbarstädten, die sie zusammen mit den ehrenamtlichen und hauptamtlichen Angestellten von fiftyfifty erstellen. Die Hälfte des Erlöses behalten sie, der Rest geht an den Verein. Mehr als 10 Millionen Hefte haben Obdachlose seit 1995 bereits verkauft. »Viele innovative Projekte wurden realisiert: Etwa der Gute-Nacht-Bus, ›Underdog‹ für die Hunde der Obdachlosen und ›Housing First‹, womit schon mehr als 100 Menschen von der Straße eine Wohnung bekommen haben«, erzählt Chef Hubert Ostendorf im Gespräch mit »nd«.

Vor allem aber ist fiftyfifty auch eine Lobby für Obdachlose, kümmert sich, mischt sich ein – nicht selten unbequem und öffentlich sichtbar. »30 Jahre und kein bisschen leise«, sagt Ostendorf. Zur Finanzierung der Obdachlosenhilfe – der Verkauf des beliebten Magazins reicht nicht aus – veranstalten Ostendorf und sein Team regelmäßig Vernissagen und Finissagen in der »Benefiz-Galerie«. Dort finden die Besucher gespendete Werke von Gerhard Richter, Rosemarie Trockel, Thomas Ruff und Imi Knoebel zu zivilen Preisen.

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Die Geschichte von fiftyfifty ist eng mit jener des Düsseldorfer Künstlers Klaus Klinger verbunden. »Er hat die politische Wandmalkunst der vergangenen Jahrzehnte geprägt wie kaum ein anderer«, meint Ostendorf. Der gebürtige Essener unterstützt die Obdachlosenhilfe. Den 71-Jährigen interessiere der etablierte Kunstbetrieb mit seiner kapitalistischen Verwertung und den exorbitanten Profitchancen nicht. Er verleiht lieber jenen eine Stimme, die nicht gehört werden. Klinger möchte Kunst im öffentlichen Raum für alle, auch für Obdachlose, zugänglich machen – und fiftyfifty allen zeigen, dass Obdachlose Bürger der Stadt sind.

Mittlerweile malt Klinger seine Kritik am Kapital und am System – manche schimpfen es Zeigefingerkunst, andere Agitprop – nicht mehr nur auf Hauswände, sondern vermehrt auch auf Leinwänden und Plakaten. An der Vehemenz und Aktualität von Klingers Schaffen hat sich seither nichts geändert. »Die gesellschaftlichen Umstände erfordern es schließlich«, meinen sowohl Klinger als auch Ostendorf.

Auch fernab von Malstift und Haus- oder Leinwand ist Klinger politisch aktiv. So führte er einen Demonstrationszug gegen die Vertreibung von Obdachlosen aus dem öffentlichen Raum an, erinnert sich Ostendorf: »Mit Müllcontainern die schicke Königsallee entlang, auffällig Bier trinkend, um bewusst gegen einen diskriminierenden Paragrafen zu verstoßen, der Obdachlosen den Genuss von Alkohol in der Öffentlichkeit verbietet.«

Klinger stellt anlässlich des 30. Geburtstags von fiftyfifty ab diesem Freitag unter dem Titel »Was tun« im NRW-Forum in Düsseldorf aus: neben einer Geschichtsreise in die Vergangenheit von fiftyfifty auch eine in die Abgründe der Wohnungs- und Sozialpolitik in Deutschland, garniert mit bissigen Botschaften, die über die Gegenwart hinaus reichen und uns eine Warnung sein sollten.

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