- Sport
- Handball
Die Füchse Berlin jagen mit »neuer Menatlität« neue Titel
Die Berliner Handballer stehen mal wieder im Viertelfinale der Champions League und an der Tabellenspitze der Bundesliga
Talant Dujshebaev wäre gern öfter in Berlin. Die Dienstreise mit seinen Handballern vom KS Kielce endete am Mittwochabend enttäuschend: Beim 37:37 scheiterten die Polen, den Rückstand von sechs Toren aus dem Hinspiel gegen die Füchse Berlin aufzuholen, und mussten sich aus der Champions League verabschieden. Als der Trainer später über den Gegner sprach, tat er dies dennoch mit einem Lächeln. Das Schöne sei gewesen, Mathias Gidsel live spielen zu sehen, hier könne man das ja jede Woche, sagte Dujshebaev in den Katakomben der Max-Schmeling-Halle und schwärmte weiter: »Er ist der beste Spieler der Welt.«
Der 56-Jährige weiß, wovon er spricht: 1994 und 1996 wurde er selbst als Welthandballer ausgezeichnet. Als Gidsel vor einer Woche diese Ehrung für das Jahr 2024 erfuhr, gelang ihm Einzigartiges – der Däne wurde als erster Feldspieler zweimal hintereinander zum Besten der Welt gewählt.
Das härteste Spiel
Einen weiteren Beweis seiner Ausnahmestellung lieferte Gidsel gegen Kielce. Nach dem Spiel sagte er: »Das war das härteste Spiel meines Lebens.« In den Reihen des Gegners stand mit Talant Dujshebaevs ältestem Sohn Alex nicht nur der spielstarke Dritte der aktuellen Welthandballerwahl, sondern auch die Wucht einiger kompromissloser Kraftpakete. Auf die polnische Härte angesprochen, meinte Berlins Spielmacher Nils Lichtlein später: »Anders als im Hinspiel in Kielce haben die Schiedsrichter wenigstens versucht, durchzugreifen.« Trotz aller groben Gegenwehr war Gidsel mit zwölf Toren mal wieder der mit Abstand beste Werfer.
Nach 13 Jahren haben die Füchse nun wieder mal das Viertelfinale der Champions League erreicht und treffen dort auf die Dänen aus Aalborg. »Ein teuer erkaufter Erfolg«, befand der Berliner Trainer Jaron Siewert. Mit Fabian Wiede und Tim Freihöfer verloren die Füchse zwei Spieler im Abnutzungskampf mit Kielce. Wer am Sonnabend spielen kann, wusste Siewert noch nicht. Zur Not müsse er bei der Jugend rekrutieren, um mit möglichst vielen Spielern nach Erlangen fahren zu können. Dort geht es gegen den Tabellenvorletzten am 25. Spieltag darum, die Spitzenposition in der Bundesliga zu verteidigen.
Gegen die Wand
Siewert wertete das Weiterkommen nach dem 33:27-Hinspielsieg in Polen als »verdient«. Mit Blick auf das kommende Spiel freute es den Berliner Trainer, »mit dem Remis gegen Kielce positiv zu bleiben«. Wieder mal nicht verloren. Das geht seit neun Spielen so. Und das gibt Kraft, die es braucht, auch gegen Erlangens Handballer zu bestehen, die einen ähnlich harten Stil pflegen wie Kielce. Diesbezüglich holte Siewert dann noch mal etwas weiter aus. Es ging um Gidsel. »Am Anfang seiner Zeit in Berlin wurde Mathias ermahnt, nicht zu oft hinzufallen«, erinnerte sich der Trainer. Die Wahrnehmung des 1,90 Meter großen Linkshänders in der Bundesliga hat sich schnell geändert. Bald wusste jeder: Gidsel ist wahrlich kein Schwalbenkönig – sondern ist oft nur mit unlauteren Maßnahmen zu verteidigen. Deshalb fordert Siewert Schutz: »Wenn wir die besten Spieler in der Bundesliga halten wollen, dürfen wir sie nicht gegen die Wand fahren lassen.«
Mit unserem wöchentlichen Newsletter nd.DieWoche schauen Sie auf die wichtigsten Themen der Woche und lesen die Highlights unserer Samstagsausgabe bereits am Freitag. Hier das kostenlose Abo holen.
Der Geschundene selbst hatte beste Laune. »Ja, das ist ganz gut«, konnte Gidsel sich sogar darüber freuen, dass die Berliner nicht mehr im DHB-Pokal dabei sind. Das Fehlen im Final Four am 12. und 13. April bringt den Füchsen nach dem Spiel in Erlangen etwas Ruhe. »Endlich mal wieder eine Pause«, sagte Gidsel und lachte. Denn umkämpfte Spiele wie die beiden gegen Kielce oder beim 33:30-Sieg in Magdeburg sind auch mental belastend. In Erlangen steht die fünfte Partie innerhalb von zwei Wochen an, danach freuen sich die Füchse auf zehn spielfreie Tage.
Spiel auf der Kippe
Die körperliche Beanspruchung war Gidsels kurz nach Spielende kaum noch anzumerken, von der psychischen Belastung erzählte der 26-Jährige: »Kurz vor dem Ende sind wir mit vier Toren hinten, da hast du viele Gedanken im Kopf.« Die Partie gegen Kielce stand mehrmals auf der Kippe; meist war es Gidsel, der die Situation mit seinen Toren wieder entspannte. Besonders kritisch war es in der 54. Minute: Kielce führt bei eigenem Ballbesitz mit 35:31. Und die Berliner? »Wir bleiben cool!«, sagte Gidsel.
Viele enge Spiele zu gewinnen, das zeuge laut Gidsel von einer »neuen Mentalität im Verein«. Dafür stehen auch der Einzug ins Viertelfinale der Königsklasse und die Spitzenposition in der Bundesliga. Diese beiden Titel konnten die Füchse noch nie gewinnen – mit Gidsel scheint es möglich. Der Däne spielt in seinem dritten Jahr in Berlin. So nah dran an der Meisterschaft wie in dieser Zeit war der Verein noch nie: vor zwei Jahren Dritter, vor einem Jahr Zweiter. Und nun? Gidsel hat »ein gutes Gefühl«.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.