Die Unheilige

Schauspielerin Renate Richter ist 70

  • Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.

Sie hat beim Spiel gern deutliche Spuren gesetzt. Folgte man ihnen als Zuschauer, kam der Moment, da man verwirrt sein durfte: Spurensetzung in die Gegenrichtung. Renate Richter, lange Zeit Schauspielerin am Berliner Ensemble Manfred Wekwerths (»Die Tage der Commune«, »Johanna von Döbeln«), die Lady Anne in dessen großer »Richard III.«-Inszenierung am Deutschen Theater, ist in vielen Rollen eine Virtuosin der Brüche gewesen, und nie scheute sie sich davor, in hellem Lichte die Bruchstellen zu zeigen. Nichts Verschliffenes, Überbrückendes, Diffuses in der Gestaltungsart. Weder im BE noch in den Fernsehrollen. Sie war die Kommissarin in Wischnewskis »Optimistischer Tragödie«, und sie entwickelte die tragische Härte dieser Revolutionärin ganz aus der stillen, verletzbaren Bedenklichkeit einer fühlenden Frau – was den Sprung hinüber ins Unerbittliche der Matrosen-Erzieherin nur ergreifender machte.

Diese konfliktreiche Verbindung von Vernunft und Sinnlichkeit, Lebenslust und Kampfeslast, dieses Spannungsfeld aus auftrumpfender Souveränität und schmiegsamer Fraulichkeit war, wenn man so sagen darf, eine Spezialstrecke dieser Schauspielerin. Auch im Fernsehfilm »Zement« nach Gladkow; ihre Dascha: eine Emanzipierte im jungen Sowjetstaat, mit aller forschen Radikalität des befreiten Wesens und zugleich geschlagen mit aller neuerlichen Beschädigung durch unbarmherzige Selbstauslieferung an die revolutionäre »Sache«. Einer ihrer erfolgreichsten Filme war, nach einer Vorlage von Eberhard Panitz, »Die unheilige Sophia«. Die Richter als rothaariger Weibsteufel, der im Osten des Nachkriegs den Kommunismus als Stoff für die Sinnesorgane »lehrt«, eine Gestalt zwischen Realität und Legende; die neue Zeit zeigt Bein und Begierde.

Es ist wohl die Freude am Licht eines Gedankens, an der Aufklärungskraft beim Zeigen von Gemütern, was Renate Richter immer wieder auch zur witzigen, resoluten, zarten Sängerin machte; die Reihung geht von der Revue »Leute machen Lieder und Lieder machen Leute« von Manfred Wekwerth und Günther Fischer, die Anfang der siebziger Jahre den Status eines Adlershofer TV-Pioniers hatte, bis zum derzeitigen Brecht-Programm mit der Rockband »Emma«, »In der Sünder schamvollem Gewimmel«.

Renate Richter, 1938 in Magdeburg geboren, betrieb stets ein Schau-Spiel der mutig unsentimentalen Kenntlichmachung von Widersprüchen. Einfühlung hatte immer damit zu rechnen, in eine Einsicht überführt zu werden. Der Witz: robust, marktfrauenlaut, görenhaft unverblümt. Und dann plötzlich eine Sekunde Trauer, genau dorthin gesetzt, wo die überraschende Wirkung so schnell nicht nachlassen würde.

Heute wird Renate Richter siebzig Jahre alt.

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