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Angenehme Leute
Der Dokumentarfilmer Volker Heise spürt dem Potsdamer »Remigrationstreffen« nach
Reflexion ist nicht gerade die Kernkompetenz völkischer Extremisten. Es klingt daher auf eine heitere Art selbstironisch, wenn einer von ihnen sich selbst eine »gruselige Figur aus Österreich« nennt, Martin Sellner – ein charmanter Rechtsextremist, der als das freundliche Gesicht der Identitären seit jeher in jede Kamera spricht. Dieses Mal in die des Filmemachers Volker Heise. Der widmet sich einem Ereignis, das abstoßend und anziehend in einem wirkte: Sellners »Masterplan zur Remigration«, den dieser Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft im November 2023 in Potsdam präsentierte.
Im Januar 2024 enthüllte das Recherche-Netzwerk Correctiv das stattgehabte Potsdamer Treffen unter dem Titel: »Geheimplan gegen Deutschland«. Wie dieser Bericht zustande kam, was darauf folgte, was nicht, wem er nützt, wem schadet – das arbeitet Volker Heise 90 Minuten lang in der ARD-Mediathek auf. Der Aufschrei war zunächst gewaltig, es gab Massendemonstrationen gegen den Plan. Dennoch wertet auch der smarte Sellner die Aufdeckung als Erfolg. Am Ende der Sendung spricht er dem Correctiv-Team ein Kompliment dafür aus und dankt auch dafür, den Begriff der Remigration »millionenfach bekannt gemacht« und »den Prozess damit beschleunigt« zu haben.
Auch wenn es oft schmerzt: Der Regisseur lässt hier alle zu Wort kommen.
Am Anfang der Doku steht ein Anruf beim Correctiv-Reporter Jean Peters. Beim Wandern auf Sizilien habe ihm eine Quelle den Hinweis »zu einem geheimen Finanzierungsnetzwerk der AfD« geschickt, erzählt er. Damit begann die folgenreichste Recherche seit Wirecard-Pleite und Panama-Papers sowie auch die vorliegende Dokumentation »Masterplan – Das Potsdamer Treffen und seine Folgen«. Wir folgen darin nicht nur vier Journalisten auf dem Weg zu ihrer Story, sondern der Republik durch zwölf Monate gesellschaftspolitischer Disruption, die ihresgleichen sucht: Kurz, nachdem namhafte Vertreter von AfD und CDU auf Einladung des völkischen Zahnarztes Gernot Mörig mit Gleichgesinnten aus Wirtschaft, Publizistik, Netz- und Nazigemeinde im szenebekannten Nobelhotel von Wilhelm Wilderink und Martina Mathilde Huss die millionenfache Vertreibung Zugewanderter diskutiert haben, ging schließlich ein Ruck durchs Land.
Volker Heise belässt es nicht bei einer reinen Aufarbeitung der Ereignisse. Mit aussagekräftigen Zeitzeugen inklusive eines anonymen Adlon-Mitarbeiters seziert er die Hintergründe und Protagonisten bis in die Siebzigerjahre, als Gernot Mörig den Bund Heimattreuer Jugend (BHJ) zur faschistischen Vorfeldorganisation drillte. Entlarvender sind jedoch die Aussagen des Juristen Ulrich Vosgerau, der nicht nur am Treffen teilnahm, sondern bis heute gegen die Correctiv-Enthüllungen prozessiert. Dem CDU-Mitglied der Werteunion dabei zuzuhören, wie er zugleich alles einräumt und leugnet, wie er Mörig als »langjährigen Freund« bezeichnet und Sellner als »angenehmen Mann«, wie er rechtspositivistisch die Werte seiner eigenen Partei untergräbt und dazu lächelt, als würde er sie verteidigen – das raubt einem mitunter den Atem. Auch wenn es beim Zusehen schmerzt, lässt Heise die Rechten unkommentiert reden. So wie er alle unkommentiert reden lässt. Die Seawatch-Aktivistin und der Gedenkstätten-Leiter, die BHJ-Aussteigerin oder der AfD-Abtrünnige kriegen weder mehr Aufmerksamkeit noch Anerkennung vom Regisseur. Sie sind einfach Talking Heads einer Dokumentation, die ohne Zuspitzungen, Effekte, Dramasound auskommt und damit zeigt, was Sachfernsehen kann: unvoreingenommene Aufklärung, bei der auch die Kritik am Vorgehen von Correctiv kein Tabu ist.
Es bleibt zu hoffen, dass der berufsethische Politthriller nicht zu spät kommt. Nach der kurzen Eruption des politischen Klimas in der Folge des Skandals sackte die AfD in Umfragen ab und »Remigration« wurde zum Unwort des Jahres 2024. Gut ein Jahr später stellt die Partei die zweitgrößte Bundestagsfraktion und Remigration ist in aller Munde. Sellner und Vosgerau dürften bester Laune sein.
»Masterplan – Das Potsdamer Treffen und seine Folgen« liegt in der ARD-Mediathek vor.
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