Nur Theoriehappen, keine Mahlzeit

Jüngst erschienen die ersten Bände von Ingar Soltys »Edition Marxismen«. Kann er den Anspruch einer Einführung in den Marxismus einlösen?

  • Sebastian Klauke
  • Lesedauer: 7 Min.
Die Tüftelei an der Revolutionsfrage geht weiter – unter anderem durch das Schreiben marxistischer Geschichte.
Die Tüftelei an der Revolutionsfrage geht weiter – unter anderem durch das Schreiben marxistischer Geschichte.

Der Berliner Brumaire-Verlag ist noch relativ jung und vor allem aufstrebend. Mit exzellenten Beziehungen in die angloamerikanische Welt ist er die publizistische Heimat der Zeitschriften »Jacobin« und dem jüngst gegründeten linken Wirtschaftsmagazin »Surplus«. Nun erscheint dort eine 36 Bände umfassende Einführungsreihe unter dem Label »Edition Marxismen«, allesamt verfasst von Ingar Solty. Der Editionsplan sieht ab Januar dieses Jahres pro Monat eine Veröffentlichung vor, nicht thematisch geordnet, sondern nach Theoretiker*in: Auf Marx folgt ein Band zu Engels, außerdem Clara Zetkin, Eduard Bernstein, Trotzki und Otto Bauer und Mao. Der ambitionierte Editionsplan ist online abrufbar, es gibt auch die Möglichkeit des Abonnements.

Gleich bei Bekanntgabe dieses Unterfangens stellen sich allerdings grundlegende Fragen: Gibt es nicht genügend – auch gute – Marx-Einführungen? Warum erfolgt der Zugang nicht über spezifische Denk- und Theoriezusammenhänge, sondern klassisch über die Einzelperson und deren Denken? Aus welcher Perspektive und mit welcher Absicht schreibt Solty? Zumindest einige dieser Fragen können mit dem Erscheinen der ersten beiden Bände der »Edition Marxismen« beantwortet und bewertet werden. Dabei hinterlässt die Lektüre von »Karl Marx. Zur Einführung: I. Philosophie der Praxis« und »II. Eine politische Ökonomie der Freiheit« zunächst einmal den Eindruck einer regen verlegerischen Geschäftstätigkeit: Das ganze Wissen des Marxismus wird hübsch portioniert auf drei Dutzend Bände aufteilt, die Einnahmen dürften entsprechend hoch kalkuliert sein, das Ganze wird professionell medial beworben. Ein eigens erstelltes »Autorenportrait« steht am Ende jedes Bandes. Wie es zur Themenauswahl kam, darüber erfährt die Leser*in leider nichts – nur die einleitende Hoffnung des Verfassers, einen Gebrauchswert für (junge) Marxisten*innen und solche, die es werden wollen, bieten zu können. Dass Marx hier dann den Auftakt macht, versteht sich von selbst.

Große Autorzentrierung

Zu Beginn des ersten Bandes widmet sich Solty der Frage »Wie und warum kommt jemand heute noch zu Marx und den Marxismen?« – ihre Beantwortung, so darf berechtigterweise vermutet werden, ist stark autobiografisch gefärbt. Der Autor spricht von Marxismus, Marxismen, Kommunismus und Sozialismus – für nötige Differenzierung ist kein Platz, aber deren Notwendigkeit wird betont. Denn die gegenwärtige Krise unserer kapitalistischen Verhältnisse, von Solty in sechs Dimensionen skizziert, mache es dringend nötig, Ausweg und Lösungen zu finden. Und ja: Marx’ Werk und marxistische Analysen, Überlegungen und Ziele sind in ihrer Universalität die richtige Grundlage, bieten hierfür gutes Material. Solty formuliert die seiner Auffassung nach wichtigen Erkenntnisse vor diesem Hintergrund. Unterm Strich: Wir Menschen sind gesellschaftliche Wesen und keine historische Entwicklung ist zwingend notwendig, entsprechend ist auch alles Gesellschaftliche veränderbar. Zum historischen Subjekt erklärt Solty die Arbeiter*innen.

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Der nächste Abschnitt des Buches befasst sich mit Marx. Wer jedoch auf eine detaillierte Darstellung von Marx’ Lebensumständen oder seines Denkprozesses und theoretischen Entwicklung gehofft hatte, wird enttäuscht. Weder im ersten noch im zweiten Band findet sich ein Hinweis auf biografische Literatur. Stattdessen wird Marx vor allem anhand der eigenen Einschätzungen des Autors sowie durch Zitate von Dritten dargestellt, etwa Bertolt Brecht. Es begegnen einem immer wieder Verweise auf und Zitate aus Marx’schen Werken, ohne dass eine tiefere Verbindung oder Entwicklung nachvollzogen würde. Viele bekannte Texte wie die »Deutsche Ideologie« werden zitiert, ohne auf ihre Problematik hinzuweisen – obwohl gerade dieser Text etwa mit Vorsicht zu genießen ist.

Das Ziel, Marx’ Denken zu skizzieren, wird nicht erreicht. Statt einer stringenten Darstellung folgt eine Aneinanderreihung von Setzungen, die durch den begrenzten Umfang stark vereinfacht und verkürzt sind. Dies betrifft sowohl die historischen Bezüge und Entwicklungen von Marx als auch die realen gesellschaftlichen Verhältnisse des Kapitalismus. Der Text lässt wichtige Zusammenhänge oft aus oder reduziert sie so stark, dass sie eher verwirren als aufklären. Auch Marx’ Hauptwerk, das »Kapital«, wird lediglich in groben Zügen behandelt. Warum es nie vollendet wurde, bleibt unbeantwortet, ebenso wird die umfangreiche Forschungsliteratur dazu nicht erwähnt. In der Darstellung von Marx’ Denken und dessen Relevanz gegen »heutige Vertreter idealistischer Denkweisen wie die des radikalen Postmodernismus« tauchen zudem Begriffe wie »postmoderner Linksnietzscheanismus« auf – bis auf einen Verweis auf Jan Rehmann werden das Konzept sowie die ganze Diskussion nicht weiter eingeordnet oder erklärt.

Ungeklärte Kategorien

Einen Großteil des zweiten Bandes widmet Solty dem Versuch, eine freiheitliche Ordnung jenseits der kapitalistischen Zwänge zu skizzieren. Wie aus dem Nichts taucht hier gleich zu Beginn die Kritische Psychologie nach Klaus Holzkamp auf, allerdings bleibt unklar, woher diese Strömung kommt, worin sie sich von einer bürgerlichen Psychologie unterscheidet, warum es ihrer überhaupt bedarf. Die im zweiten Band entfaltete Kapitalismuskritik wirkt allzu bekannt und wie im ersten Buch finden sich unpräzise Begriffsverwendungen, undeutliche und enorm verkürzte Darstellungen historischer Prozesse sowie Konzepte.

Die Problematik von Soltys Marx-Lesart und Darstellung sei in einem konkreten Beispiel näher dargestellt. So schreibt er, »die materielle Basis einer Gesellschaft und nicht, wie im philosophischen Idealismus, die Vorstellungen, die eine Gesellschaft sich von sich selbst macht, müssten in den Blick genommen werden«. Zur Begründung führt Solty an, dass Marx ein Jahr nach dem Erscheinen seines Hauptwerks »Das Kapital« von 1867 in einem Brief an Ludwig Kugelmann schrieb, jedes Kind wisse, »daß jede Nation verrecken würde, die (...) für ein paar Wochen die Arbeit einstellte«. Diese Passage stellt Solty als zentrale Einsicht von Marx’ Materialismus dar. Liest man den Brief aber vollständig und im Kontext, kommt man nicht umhin festzustellen: Marx kritisiert darin, dass mit dieser Binsenweisheit analytisch nichts gewonnen ist, wenn nicht nach den gesellschaftlichen Formen gefragt wird, in denen sich die gesellschaftliche Arbeitsteilung durchsetzt – Ware, Geld und Kapital. Die »materiale Basis«, die Solty als materialistische Einsicht präsentiert, ist also eine Trivialität und nichts, was Marx’ materialistischen Ansatz im Gegensatz zu einer idealistischen Perspektive ausmacht. Seine Frage ist, warum im Kapitalismus die warenproduzierenden Arbeiten die Wertformen Geld und Kapital annehmen müssen, etwas, so Marx weiter im erwähnten Brief, was Ricardo einfach »als gegeben voraussetzt«.

Solty lässt wichtige Zusammenhänge oft aus oder reduziert sie so stark, dass sie eher verwirren als aufklären.

Neben den schon benannten inhaltlichen Mängeln finden sich in beiden Bänden diverse Wiederholungen und eintönige Formulierungen. Das Literaturverzeichnis führt zum Teil Titel, die im Buch nicht verwendet worden sind. Auch zur Verfügung stehende deutschsprachige Ausgaben englischsprachiger Titel werden nicht berücksichtigt. Als Einführungen können die beiden Bände nicht überzeugen – zu wenig stringent sind sie, zu voraussetzungsreich ist das Dargestellte, nichts erfährt man zur Person Marx, stattdessen wird der Leser*in ein »Theoriehappen« nach dem anderen hingeworfen. Wer keine Ahnung von der Thematik hat, bekommt hier keine Orientierungshilfe. Auch zur weitergehenden Beschäftigung wird nur wenig angeboten.

Feature oder Bug?

Was man stattdessen erfährt: wie der Autor, also Solty selbst, Marx liest und welchen Zugriff er auf dessen Theorie vertritt. Dies allerdings wird nicht deutlich kommuniziert. Nur wenn man Soltys bisherigen Weg – er ist Enkel der Marburger Schule – näher kennt und seine marxistische Sozialisation nachvollzieht, wird einem die Konzeption der beiden vorliegenden Bände klar: keine Einführung in Marx, sondern Marx gelesen von Solty als Erbe der Marburger. Für die erklärte allgemeine Absicht der »Einführung« ist das aber auch zu mager und wird der Komplexität der Debatten und dem Wissensstand nicht gerecht.

Es bleibt zu hoffen, dass die nachfolgenden Bände besser geraten und die hier aufgezeigten Mängel kein Feature der »Edition Marxismen« sind, sondern ein Bug, anderenfalls wird hier Energie und Kapitel schlicht vergeudet. Der ursprüngliche Mangel in der Sache wird nämlich von Solty durchaus korrekt benannt: Es bedarf dringend frischer Literatur zum marxistischen Denken – denn die multiple Krise unserer Zeit spitzt sich zu, und da ist das Wissen im Zusammenhang bitter nötig.

Ingar Solty: Edition Marxismen. Zweihundert Jahre Systemkritik für systematische Weltverbesserer. Edition Brumaire 2025, Einzelband à 9 €, Abonnement 90 €.

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