Leben. Prisma
Pasolini in Berlin
Wer ich bin« heißt ein 1966 in New York entstandenes großes selbstbekennendes Poem von Pier Paolo Pasolini (1922–1975). Nach den Stationen dieses Gedichts ist die Ausstellung gegliedert, die jetzt im Literaturhaus Berlin gezeigt wird. In schräg stehenden, schwarzen Prismen auf einer dreieckigen Grundfläche wurden flache Vitrinen montiert, in denen Dokumente aus Leben und Werk des hierzulande überwiegend als Filmregisseur bekannten Italieners zu sehen sind. Die Ausstellung präsentiert in metaphorischer Weise das Schräge, das Schwarze, zugleich das Licht bündelnde oder zerlegende, zuweilen auch total reflektierende Prismatische der Figur Pasolinis. Selten gelingt biografische Interpretation in einer Ausstellung so zwingend.
Ein kleines, von den Schweizer Vor-Ausstellern verantwortetes Begleitheft (3 Euro) liefert »Ein kleines Wörterbuch« zu »PPP«, nimmt die Gliederung von »Wer ich bin« auf und ergänzt die Ausstellung mit knappen Texten zu Stichworten wie Bürgertum, Filmtheorie, Kommunismus, Vater/Faschismus oder Sexuelles Anderssein. Weniger bekannt hierzulande sind Pasolinis literarische Arbeiten, die am Anfang seiner radikalen künstlerischen Arbeit standen. Der Versuch, Text- und Bildarbeiten im Kontext darzustellen – er wird in mehreren »Langen Nächten« mit Lesungen im Käthe-Kollwitz-Museum unternommen, das dem Literaturhaus in der Fasanenstraße benachbart ist.
Erst ein toter Pasolini konnte dem offiziellen Italien Wertschätzung abringen. Zu Lebzeiten wurde er mit 33 (!) Strafverfahren überzogen, in deren Zentrum seine Homosexualität stand. Er war politisch kaum zu bändigen. Die KPI – sein Mitgliedsausweis ist in der Ausstellung zu sehen – schloss den Fundamentalopponnenten schon 1949 aus. Vor bald 40 Jahren sah er das Dilemma einer kommunistischen Kommunalregierung am Beispiel Bologna und prophezeite die Anpassung des Kommunismus an den Konsumismus. Wenn sein Poem »Wer ich bin« hieß, nicht »Wer bin ich?« fragte, dann täuscht das existenzielle Sicherheit vor, die durch seine Ermordung dramatisch widerlegt wurde.
Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23. Bis 22. 11.
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