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  • Reportage - Jordanien

1001 Säulen im »Pompeji des Nahen Ostens«

Das antike Jerash in Jordanien zählt zu den besterhaltenen römischen Städten der Welt

  • Gabriela Greess
  • Lesedauer: 3 Min.
Auf den Spuren des Alten Rom
Auf den Spuren des Alten Rom

Ein unscheinbares kleines Kamel aus Ton erzählt vom regen Handel, der einst auf Jordaniens Karawanenrouten herrschte: Über 2000 Jahre lag es nahe der römischen Stadtmauer von Jerash begraben – beladen mit Mini-Amphoren im Stil von Rhodos. Britische Archäologen entdeckten die antike Dekorationsfigur zu Beginn des jetzigen Millenniums. Sie zeugt von Jerash als einem Schmelztiegel griechisch-römischer und byzantinischer Einflüsse – gemischt mit Traditionen des Orients.

Das damalige Gerasa wurde unter Kaiser Trajan dem Römischen Reich einverleibt und damit 106 u.Z. Teil der sagenhaften Provinz Arabia. Die Ursprünge der Stadt gehen jedoch auf Alexander den Großen (356-323 v.u.Z.) zurück.

Altertumsforscher stießen im heutigen Jerash auf eines der frühesten hellenistischen Gräber des Nahen Ostens sowie die Skulptur eines sakralen Bullen. Die belegt den heidnischen Stierkult der römischen Provinzstadt mit Fingerzeig auf deren Schutzpatronin Artemis: Die Tochter von Zeus gilt als von Stieren umgebene Gottheit.

In Gerasa lebten zu seiner Blütezeit Anfang des 3. Jahrhunderts etwa 20 000 Menschen. Als Mitglied des mächtigen Städtebunds Decapolis war sie eine römische Boomtown. Die Christen sollten diese bereits zwei Jahrhunderte später beherrschen – eine Kathedrale mit den Erzengeln Gabriel und Michael zeugt davon. Zu einer Islamisierung, die relativ friedlich verlief, kam es erst im 7. Jahrhundert.

Die römische Ruinenstätte liegt etwa 50 Kilometer nördlich von Amman. Ihren schmückenden Titel »Pompeji des Nahen Ostens« verdankt sie grandiosen Monumenten wie Hundertschaften imposanter Säulen: An der Kolonnaden-Prunkstraße kann man Abdrücke alter Holzkarren sehen, und der Triumphbogen zu Ehren des römischen Kaisers Hadrian versetzt einen zurück ins glanzvolle Römische Imperium.

Beobachter staunen über eingravierte Namen in den vorderen Sitzreihen: Sponsoren machten bereits damals für sich Werbung. Das Volk bekam dagegen als Eintrittstickets kleine Tiegel aus Ton.

Auf dem 16 Quadratkilometer großen Gelände der »Stadt der 1001 Säulen« dauern die Ausgrabungen an: »Die sind nur während der Sommerzeit möglich; mit Spezialpinseln werden die dann trockenen Erdschichten abgetragen«, erklärt der Historiker Khaled Abu Tayeh: »Bisher sind nur etwa 16 Prozent der Schätze unseres Landes freigelegt, Jordanien ist ein großes Freilichtmuseum.«

Als ihr offizieller Entdecker ging ein Deutscher namens Ulrich Jasper Seetzen in die Annalen ein. Er stieß 1806 auf erste Spuren der römischen Provinzstadt. Doch erst 1920 begannen Ausgrabungen großen Stils: »Die traditionell guten deutsch-jordanischen Verbindungen bei der Altertumsforschung haben sich bis heute bewährt«, betont Khaled, der in Freiburg studierte.

Viele Besucher entscheiden sich für eine Kamelexkursion, um Jordaniens antikes Erbe entlang der Wüstenstraßen zu entdecken: »Spuren einer alten Karawanserei findet man etwa alle 20 Kilometer, die Raststätten waren einst nach der Tagesleistung eines Kamels bemessen«, erklärt Khaled.

Starke Erdbeben anno 749 leiteten den Niedergang von Gerasa ein. Dass damals bereits das liebe Geld längst zum alltäglichen Götzen aufgestiegen war, zeigt ein kurioser Fund: Am Skelett eines siebenjährigen Jungens überraschte Archäologen dessen zusammengeballte Faust. Als sie sie öffneten, fielen ihnen Münzen entgegen. Auch diese Entdeckung wartet wie unser Tonkamel weiter auf einen gebührenden Ausstellungsplatz.

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