Shen Yun: Tanz die Erleuchtung

Die Spektakel von Shen Yun sind nicht allein fernöstlicher Kitsch, dahinter steckt auch eine zutiefst reaktionäre Ideologie

Falun Gong – Shen Yun: Tanz die Erleuchtung

Etwas ist anders. Es ist anders als gewöhnlich, an diesem Märzabend in der unwirtlichen Bismarckstraße im sonst so glänzenden Berliner Stadtteil Charlottenburg. Auf dem Spielplan der hier ansässigen Deutschen Oper steht weder »Don Giovanni« noch »Rigoletto«, keine »Carmen« und auch keine »Zauberflöte« werden heute gegeben. Nein, in dieser Woche hat sich an fünf Tagen die exilchinesische Tanzkompanie Shen Yun hier eingemietet, um ihr diesjähriges Programm zum Besten zu geben.

Berlin ist dabei nur eine Station auf einer langen Gastspielreise. Gerade war man noch in Österreich und Spanien, bald geht es weiter nach Frankreich und Norwegen. Acht Shen-Yun-Truppen sind parallel auf Welttournee. Laut eigener Aussage erreicht Shen Yun so eine Million Zuschauer pro Saison. Hier, bekommt man den Eindruck, versteht jemand sein Geschäft.

Mit dem üblichen Opernpublikum hat man es heute allerdings nicht zu tun. Sichtlich fremd an diesem Ort bewegen sich die Zuschauerinnen und Zuschauer durch die Foyers. Zahlreiche Stände wurden aufgebaut, an denen man sich über Shen Yun und die dahinterstehende »Philosophie« informieren oder Goldschmuck, Seidenaccessoires und Handtaschen erwerben kann. Die Händler scheinen, wenn man den Andrang betrachtet, im Musentempel durchaus nicht unerwünscht zu sein.

Aufmerksamkeit für die eigenen Shows generiert Shen Yun durch eine geradezu aggressive Werbekampagne. Bei anderen Kulturveranstaltungen trifft man auf eifrige Flugblattverteiler. Plakate säumen die Straßen. Der stimmige Slogan auf den Druckerzeugnissen lautet: »China vor dem Kommunismus«. Denn Shen Yuns Pseudofolklore verfolgt auch eine eindeutige politische Agenda. Im Internet wird man aber mit Werbevideos überhäuft, in denen Zuschauer vor allem die schönen Farben, die eleganten Bewegungen, das erhebende Gefühl bei den Spektakeln einigermaßen verstrahlt abfeiern.

Ein Moderatoren-Duo führt instruktiv auf Deutsch und Chinesisch durch den Abend in der Deutschen Oper. Shen Yun präsentiert eine Revue aus etwa 20 kurzen Nummern. Zu jeder davon wird mit einigen einleitenden Worten hingeführt.

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»Ein neues Zeitalter beginnt« heißt die erste Darbietung. Göttliche Wesen finden zusammen. Dann tritt der Schöpfer auf und ruft sie auf, ihm vom Himmel auf die Erde zu folgen. In China angekommen, errichten sie eine Hochkultur. Wortlos geht das Spektakel unter Musikbegleitung über die Bühne. Grell überzeichnete Projektionen und 3-D-Effekte bestimmen die Szene, wirken aber wie aus der Zeit gefallen. Die tänzerischen Einlagen des durchweg jungen Ensembles wirken äußerst präzise. Der chinesische Tanz ist der Akrobatik nah verwandt.

Nebel auf der Bühne, farbenfrohe uniforme Kostüme, Seidentücher für die Tanzeinlagen – die Rezeptur für den ganzen Abend wird mit den ersten Minuten bereits klar. Applaudiert wird nach jeder Nummer heftig. Das Publikum, das in der ausverkauften Deutschen Oper 83 Euro pro Eintrittskarte bezahlt – in der günstigsten Preiskategorie –, lässt sich bereitwillig verzaubern.

Von der 5000 Jahre währenden chinesischen Kultur ist dieses Spektakel laut Shen Yun »inspiriert«. Wie viel Tradition in solchen Einlagen wirklich steckt, bleibt offen. Das Orchester, das die Tournee begleitet, ist jedenfalls stark europäisch geprägt. Und die Geschichten von magischen Affenkönigen und korpulenten Schweinemonstern wirken ebenfalls nicht wie ein uraltes Zeugnis der chinesischen Hochkultur, sondern eher wie leicht konsumierbare Unterhaltung.

Aber Shen Yun ist nicht allein Kunstkitsch, nicht bloß esoterischer Hokuspokus und nicht nur exotisierendes Abbild des Reiches der Mitte, wie es niemals wirklich war – auch nicht »vor dem Kommunismus«. Tatsächlich handelt es sich dabei um den künstlerischen Arm der – auch politisch äußerst umtriebigen – religiösen Sekte Falun Gong, auch bekannt unter dem Namen Falun Dafa.

1992 von dem spirituell veranlagten Eisenbahner Li Hongzhi in China gegründet, beruht diese Glaubensrichtung auf verschiedenen anderen fernöstlichen Religionen. Menschenfeindliche Dogmen – etwa die strikte Ablehnung von Homosexualität, rassistische Überzeugungen und die Absage an die Schulmedizin – sind ein Teil des verschrobenen Weltbilds.

Seit Ende der 90er Jahre hat die Duldung von Falun Gong in China ihr Ende gefunden. Gegen die Anhänger der Glaubensgemeinschaft soll mittlerweile vergleichsweise hart vorgegangen werden. Nun gibt es keine Veranlassung, sich mit Kritik an autoritären Strukturen in der Volksrepublik zurückzuhalten. Allerdings handelt es sich bei dem vermeintlichen Opfer um eine sicher nicht minder autoritär strukturierte Sekte. Und die öffentlichkeitswirksam vergossenen Krokodilstränen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Falun Gong, dessen Zentrum mittlerweile im US-amerikanischen Exil zu finden ist, mit seiner reaktionären Agenda auch nach politischem Einfluss strebt.

Die »New York Times«, laut Falun Gong ein bloßes Opfer der kommunistischen Propaganda aus China, ist in einer Reihe von Artikeln den Machenschaften der Sekte und ihrem dubiosen Geschäftsmodell auf den Grund gegangen. Shen Yun – das ist nicht nur der Propagandaapparat, sondern auch die Geldmaschine von Falun Gong. Tänzerinnen und Tänzer der Kompanie, teilweise noch minderjährig, würden unterbezahlt und könnten – gemäß den Glaubenssätzen – keine adäquate medizinische Versorgung in Anspruch nehmen.

Für ihre Zwecke, so stellt die »New York Times« ebenfalls klar, weiß sie ein einflussreiches Medium an ihrer Seite: die »Epoch Times«. Dabei handelt es sich um eine internationale Zeitung, die gedruckt sowie online erscheint. In den USA erfreut sie sich großer Beliebtheit, aber auch in Deutschland findet sie mittlerweile vorrangig unter Anhängern der Neuen Rechten eine Leserschaft. Neben der fortwährenden Agitation gegen China und der Beweihräucherung von Falun Gong, Shen Yun und Konsorten lesen sich die Artikel wie eine wilde Mischung aus kruden Ideen unterschiedlicher Herkunft. Trumpistische Positionen, Verschwörungstheorien rund um die Corona-Pandemie und eine dümmliche Blut-und-Boden-Ideologie finden ihren Widerhall. Neofaschisten weltweit dürften sich über diese unerwartet wirkende Hilfestellung freuen.

Eine weitere Nummer von Shen Yun in der Deutschen Oper trägt den Titel »Ein beispielloses Verbrechen«. Die Anmoderation kommt nicht ohne den vielsagenden Hinweis aus, dass das Folgende auf »wahren Begebenheiten« beruhe. Eine Kulisse zeigt das heutige China. Falun-Gong-Anhänger meditieren im Park. Harmonie erfasst die Szene. Dann aber treten mit aggressiven Schritten in Schwarz gekleidete Männer auf die Bühne. Auf ihren Rücken tragen sie die verheißungsvollen Insignien in roter Farbe: Hammer und Sichel. Einer der nach Erleuchtung Dürstenden wird von ihnen verschleppt und verprügelt. Ein Arzt tritt auf die Bühne. Mit einer gigantischen, wie dem Kindertheater entnommenen Spritze beugt er sich über den Gefangenen. In der nächsten Szene ist der Mann desorientiert und um sein Augenlicht beraubt wieder in die Freiheit entlassen. Propaganda also der plumperen Art, die sich mit den eher süßlichen Einlagen abwechselt.

In einem Gesangsstück mit Flügelbegleitung wird in spiritueller Phraseologie die Schönheit der Schöpfung besungen, das Elend der Menschheit beklagt. Die Evolutionstheorie, entnehmen wir dem wohlklingenden Gesang, sei haltlos. Was sich da selbst als weit überlegene Kultur auf der Bühne feiert, ist offenbar Pseudokunst zum Zweck der Gehirnwäsche.

Als ich in der Vorstellungspause durch das Foyer gehe, höre ich eine Frau im Ton der Missionarin ausrufen: »Shen Yun verbreitet Liebe und positive Energie.« Ich greife zu einem ausliegenden Werbeblatt, das ein Abonnement für die Video-Plattform von Shen Yun anpreist. Eine Frau mit verstörendem Dauerlächeln tritt zu mir heran: »Ganz toll – auch für die ganze Familie. Weil Shen Yun frei ist von jeder Gewalt.«

Von der Gewaltobsession Shen Yuns kann ich mich dann aber doch in der letzten Nummer, »Der Schöpfer ist gekommen« betitelt, überzeugen. Wir sind abermals in China. Wir sehen Kommunisten, von denen einer zum rechten Glauben findet. Als dann die Katastrophe über sie hereinbricht und ein Tsunami alles vernichtet, wird der Erleuchtete verschont. Goldenes Licht erstrahlt alsbald von der Bühne.

Apokalyptisches Denken und der Vernichtungswille gegen alle, die nicht demselben Hokuspokus anhängen wie man selbst, machen das hier zur Schau gestellte Weltbild aus. Wer so tickt, sucht vermutlich schon selbstverständlich den Schulterschluss mit der extremen Rechten.

Warum sich eine renommierte Institution wie die Deutsche Oper für so etwas hergibt? Diese Frage sollte sich auch Berlins Kultursenator Joe Chialo stellen, der die Millionenkürzungen, von denen die Stiftung Oper in Berlin betroffen ist, zu verantworten hat. Es ist vielleicht unwürdig, aber verwundert angesichts des schrumpfenden Kulturetats kaum, dass Opernhäuser mittlerweile ihre Räumlichkeiten an die meistbietenden Ideologen vermieten.

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