- Politik
- ZEITungs-Schau 1990
»Es geht um Kontrolle«
Gisela Notz von Pro Familia über den § 218
ND: Warum ist der Paragraf 218 kaum mehr ein wahrnehmbares Thema feministischer Politik?
Notz: Es ist ein Skandal, dass der Paragraf 218 immer noch im Strafgesetzbuch steht. Der Widerstand, den es in den 70er Jahren gab, ist abgebrochen. Man kann scheinbar mit dem Kompromiss von 1995 gut leben.
Weil jede Frau abtreiben kann, die das möchte?
Ja, aber für die Frauen im Osten war »der Kompromiss« eine schmerzliche Verschlechterung. Gegen die Zwangsberatung demonstrierten Ost- und Westfrauen.
Inzwischen haben vor allem christliche Fundamentalisten das Thema Abtreibungen besetzt.
Diese selbsternannten Lebensschützer kämpfen für eine weitere Verschärfung des Gesetzes. Da wäre Widerstand angesagt. Es gibt zu wenig Frauenbewegung in diesem Land. Feminismus nennt man heute vieles – von der Leyen bezeichnet sich als konservative Feministin. Allerdings gibt es nach wie vor Frauen, die sich auflehnen. Ich denke an den Widerstand vorwiegend junger Feministinnen gegen die »1000 Kreuze«-Aktionen.
Im vorigen Jahr ist das Schwangerschaftskonfliktgesetz verschärft worden. Sind bereits Veränderungen spürbar?
Das Gesetz ist erst am 1. Januar in Kraft getreten. Der Druck auf die Ärzte hat sich verstärkt, wir beobachten das in unseren Beratungsstellen. Es gibt Hinweise darauf, dass viele Frauen ins Ausland ausweichen, wir haben dazu aber noch keine Zahlen. Wir wollten eigentlich nicht mehr, dass die Frauen nach Holland fahren müssen. Das können sich nicht alle leisten.
Sehen Sie einen direkten Zusammenhang zur Debatte um den demografischen Wandel – weniger Abtreibungen = mehr Kinder?
Das ist die Argumentation der »Lebensschützer«. Ich sage, es geht um Kontrolle. Seit Bestehen des Abtreibungsparagrafen geht es darum, die Frauen zu kontrollieren. Ich habe die Befürchtung, dass uns die ganze Geschichte weiter beschäftigen wird. Konservative Kreise werden keine Ruhe geben.
Fragen: Regina Stötzel
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.