Kein Prozess gegen Mörder von Belzec

Samuel Kunz 89-jährig gestorben

  • Lesedauer: 2 Min.
Einer der meistgesuchten mutmaßlichen Nazi-Kriegsverbrecher ist kurz vor seinem Prozess gestorben.

Bonn/Jerusalem (dpa/ND). Samuel Kunz, der an der Ermordung von 430 000 Menschen beteiligt gewesen sein soll, sei laut Sterbeurkunde im Alter von 89 Jahren gestorben, teilte ein Gerichtssprecher am Montag in Bonn mit. Das Landgericht Bonn hat das Verfahren gegen Samuel Kunz deshalb eingestellt.

Kunz wurde Mord in zehn Fällen und Beihilfe zum Mord in mindestens 430 000 Fällen vorgeworfen. Von Januar 1942 bis Juli 1943 soll er als Wachmann im Vernichtungslager Belzec im damals von Hitlerdeutschland besetzten Polen eingesetzt worden sein. Kunz lebte unbehelligt im Rhein-Sieg-Kreis bei Bonn. Bis zu seinem Ruhestand hatte er als Handwerker im Bundesbauministerium in Bonn gearbeitet.

Der Leiter des Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem, Efraim Zuroff, äußerte tiefe Enttäuschung darüber, dass Kunz der Gerechtigkeit kurz vor Beginn des Gerichtsverfahrens entkommen sei. »Die Tatsache, dass Kunz Jahrzehnte ungestraft in Deutschland leben konnte, ist das Ergebnis einer fehlerhaften Ermittlungsstrategie, die praktisch jeden Holocaust-Täter ignorierte, der kein Offizier war«, sagte er. Eine neue, veränderte Ermittlungspraxis habe zur Anklage geführt. »Wir fordern die deutschen Behörden dazu auf, ähnliche Fälle wegen des hohen Alters der Beschuldigten schnell zu bearbeiten, damit Gerechtigkeit hergestellt werden kann.«   

Ins Rollen gekommen waren die Untersuchungen gegen Kunz durch den Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk in München. Der Prozess gegen Kunz hatte ursprünglich schon in diesem Herbst in Bonn eröffnet werden sollen. Der Termin verzögerte sich, da das Bonner Gericht zusätzliche Rechercheanfragen an die Zentralstelle zur Aufarbeitung von NS-Kriegsverbrechen in Dortmund gestellt hatte.

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