Daueraufgabe Aids-Prävention
Berlin will mit neuem Konzept Kampf gegen Immunschwächekrankheit verstärken
In Berlin leben etwa 11 200 Menschen mit einer HIV-Infektion, davon 9900 Männer und 1300 Frauen. Seit Anfang der 80er Jahre erkrankten 6600 Menschen an Aids, 4500 starben an der Immunschwäche-Krankheit. 2009 wurden 440 HIV-Infektionen neu diagnostiziert, davon drei Viertel bei Männern, die Sex mit Geschlechtsgenossen hatten. Für dieses Jahr erwartet die Senatsgesundheitsverwaltung eine ähnlich hohe Zahl. »HIV und Aids bleiben somit eine Herausforderung, auch wenn sich die Lebenserwartung und die Lebensqualität der Betroffenen deutlich verbessert haben«, so Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (LINKE).
Gestern am Welt-Aids-Tag stellte sie ein Konzept vor, mit dem einem weiterer Anstieg der HIV-Neuinfektionen und anderer sexuell übertragbarer Krankheiten begegnet werden soll. Erarbeitet wurde es von Prof. Rolf Rosenbrock vom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung. Er bescheinigte der Stadt, über ein gutes Aids-Präventionssystem zu verfügen. Das entstand vor allem aus Selbsthilfegruppen wie der Berliner Aids Hilfe oder der Schwulenberatung. Die Gesundheitsverwaltung finanziert ihre Arbeit jährlich bis 2015 mit jeweils 2,1 Millionen Euro aus dem Etat der Gesundheitssenatorin. Zusätzlich will Lompscher in den kommenden zwei Jahren jeweils 50 000 Euro investieren, um das neue Konzept umzusetzen.
Das zielt vor allem auf eine bessere Zusammenarbeit der Aids-Hilfe-Projekte und der beteiligten Senatsverwaltungen bei der Prävention. Versorgungslücken müssten geschlossen, Doppelstrukturen abgebaut werden, so Rosenbrock. Im Fokus des Programms steht nicht die medizinische Vorsorge, sondern verstärkte Aufklärungsarbeit. So soll Neuinfektionen vorgebeugt werden. Besonders gefährdet seien Männer, die mit Männern Sex haben, Migranten, weibliche Prostituierte, Drogenabhängige und Gefängnisinsassen.
Basis der Präventionsarbeit ist laut Rosenbrock die Sexualaufklärung in der Schule und auch in den Integrationskursen für Migranten. Schwächen hat er in der Berliner Vor-Ort-Arbeit ausgemacht. In den Zentren des schwulen Geschehens – Schöneberg, Prenzlauer Berg und Friedrichshain-Kreuzberg – schlägt er deshalb die Einrichtung von Präventionsstützpunkten vor, in denen sich die betroffenen Männer auch beraten und auf HIV testen lassen können. Für die Prävention bei Migranten sollen »Kulturmittler« gewonnen werden.
Rosenbrock bezeichnete die Situation in Berlin als »nicht dramatisch«, aber als »Daueraufgabe«. Selbst bei aller Anstrengung würde die Zahl der Neuinfektionen jedoch nie auf Null gehen, »aber um ein Viertel könnten wir sie schon senken«.
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