Der französische Nuklearriese
Frankreich, Japan und andere Teile der Welt haben sich abhängig gemacht von Areva
Der staatliche französische Nuklearriese Areva soll bei der Bewältigung der Katatsrophe in Fukushima helfen. Dabei ist er selbst Symbol für Risiko und Skandal im Atomreaktorbetrieb.
Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy gibt sich gerne »modern«. Auch, wenn es um seine Energiepolitik geht. Die Versorgung des Landes soll unabhängig von Russen, Arabern oder sonstigen unsicheren Kantonisten sein. »Sarko« will lieber selbst verkaufen als kaufen. Dafür nimmt er wie seine Vorgänger einen schweren Nachteil in Kauf: die fast vollständige Abhängigkeit von der Atomindustrie.
Anlässlich der Katastrophe von Fukushima erinnern einige wenige Pariser Journalisten an die Denkschrift, die ihr Kollege Philippe Simonnot von »Le Monde« bereits 1978, fünf Jahre nach dem ersten Erdölschock, veröffentlichte. Sein Aufsatz über die »Nukleokraten« ist eine beißende Kritik an jener neuen Generation von Energie-Managern, die das Land in seinen Eliteschulen produziert hat und die sich arrogant und von demokratischem Denken weitgehend unbelastet zum alleinigen »Retter Frankreichs« und des gesamten Westens aufzuschwingen gedachte. Die Thesen erscheinen heute, mehr als 30 Jahre später, wie die Erfüllung einer düsteren Prophezeiung: Die Gefahr liegt nicht so sehr in der Kontrolle einer gefährlichen Technik, sondern in der Unkontrollierbarkeit der mit dieser Technik hantierenden Politiker.
Der französische Staatskonzern Areva, gegründet 2001, ist – wie Sarkozy auf seinen Verkaufsreisen etwa nach Indien und Libyen immer wieder betonte – zu einem der »Grundpfeiler der weltweiten Atomindustrie« geworden. Der Weltmarktführer baut und liefert Kernkraftwerke, fördert Uran, kümmert sich um Produktion und Wiederaufbereitung von Kernbrennstäben, organisiert die Lagerung und den Transport von radioaktivem Müll (Castor-Transporte). Selbstverständlich ist Areva auch mit der japanischen Tepco-Gruppe geschäftlich innig verbandelt. Sieben Prozent des Gewinns machte die Gesellschaft im vergangenen Jahr in Japan – vor allem durch Lieferung von Brennstäben etwa nach Fukushima. Während des Erdbebens waren zehn Areva-Mitarbeiter in dem Atomkraftwerk im Zusammenhang mit Materialprüfungen; sie wurden rasch evakuiert. Nun aber will Areva fünf Nuklear-Experten ins Krisengebiet schicken, die beim Abpumpen radioaktiv verseuchten Kühlwassers helfen sollen.
Dass ausgerechnet diese Firma es in Fukushima nun richten soll, gibt nicht nur Ökologen angesichts zahlreicher Skandale schwer zu denken. So ist Areva am Bau eines neuartigen Druckwasserreaktors im finnischen Olkiluoto beteiligt – die Pannen und Verzögerungen sind längst Legende. Poröser Beton, schwere Fehler bei der Installierung der Sicherheitssysteme oder die Vergabe der Produktion des Reaktor-Stahlmantels an einen technisch unqualifizierten Subunternehmer sind nur einige Details, die jüngst die finnische Europaabgeordnete Satu Hassi beklagte.
Dennoch: In Sachen Energiepolitik bleibt Nicolas Sarkozy eher ein Traditionalist. Sein Credo lautet, auch und besonders nach der japanischen Katastrophe: »An der Kernenergie wird festgehalten.«
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