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Von Kultur als Hefe aus Humus
Niedersachsens CDU gibt »Goslarer Erklärung«
»Niedersachsen gehört als deutsches Bundesland einer europäischen Kulturnation an.« Mit dieser Erkenntnis und weiteren Weisheiten hat die CDU-Landtagsfraktion ein 29-seitiges Werk gefüllt, das sie »Goslarer Erklärung« nennt. Denn dort hat sich die Union bis gestern drei Tage lang mit dem Thema »Kultur« befasst und das ihr gewidmete Papier vorgestellt.
Argwohn erregt etwa bei den LINKEN das Bekenntnis, die Sicherung kommunaler Theater liege der CDU sehr am Herzen. Victor Perli, kulturpolitischer Sprecher der Linksfraktion, meint dazu: Die schwere Krise des »Theaters für Niedersachsen« in Hildesheim werde der erste Stresstest für die CDU-Erklärung sein. Die Stadt Hildesheim will ihren Zuschuss zum Theater um 500 000 Euro kürzen. Schuld seien Sparvorgaben des niedersächsischen Innenministeriums.
Regelrecht lyrisch ist das CDU-Papier zwar nicht, ein Trend zu kulturbeflissen anmutender Diktion ist aber spürbar. Beispielsweise, wenn die Union schon in der Einleitung doziert: »Kultur ist nicht das Sahnehäubchen, sondern die Hefe im Teig.« Diese Hefe, pardon, diese Kultur im Lande sei geprägt durch christlich-abendländische Tradition. Aber: Niedersachsens kulturelle Vitalität und Attraktivität beruhe auch auf dem Austausch mit anderen Völkern und Kulturen. »Wir bekennen uns zur Freiheit der Kultur«, lautet ein weiteres Unions-Credo. Niedersachsen sei »ein hervorragendes Beispiel für die vielen kreativen Impulse, die von der Freien Theaterszene ausgehen«. Wie sehr in Teilen der CDU solche Impulse geschätzt werden, zeigte sich 2010, als sich ihr parlamentarischer Geschäftsführer Jens Nacke gar sehr über ein freies Theaterprojekt mokierte: Es erinnerte vor dem Staatstheater »Ballhof« in Hannover an die »Republik Freies Wendland« der Atomkraftgegner (ND berichtete).
Nahezu keinen Bereich, der die Kultur berührt, lässt die CDU in ihrem neuen Opus aus. Sie betont, wie wichtig und förderungswürdig das alles sei. Viel Lob gibt es. Für freischaffende Künstler, für Ehrenamtliche etwa, und der Leser wird aufgeklärt: »Die Heimatvereine sind in Niedersachsen das Rückgrat kultureller Traditionspflege.« Und woher kommt all das, was die Unionspolitiker beglorwürdigen? Auch das predigt die CDU-Schrift: »Religion und Glaube sind der Humus, aus dem alle Kultur in unserem Land entspringt.« Weniger salbungsvoll formuliert die Vize-Fraktionschefin der Grünen, Gabriele Heinen-Kljajic: Die CDU lobe den Status quo; der sehe aber so aus, dass Niedersachsen im Ländervergleich bei allen relevanten Kulturparametern, von Kulturausgaben bis zur kulturellen Teilhabe von Jugendlichen, einen der letzten Plätze belegt. Dafür lasse sich in der Erklärung kein Problembewusstsein erkennen.
Die kulturpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Daniela Behrens, meint, das CDU-Papier enthalte keine Konzepte zu kulturpolitischen Herausforderungen. Wie wird die kulturelle Vielfalt erhalten? Wie ist kulturelle Teilhabe und Bildung für alle zu sichern? Wie ist es zu schaffen, Kultur auch im ländlichen Raum weiter anzubieten? Die Union, so Behrens, habe darauf keine Antworten.
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