Beilage zum Mackerheft
NEUE Medien: Computermagazin »Wired«
Wer im engen Zeitungsregal Platz sucht, muss bisweilen seltsame Wege gehen. Zum Beispiel die »Wired«: 18 Jahre, nach der amerikanischen Nullnummer erscheint das erweiterte Computermagazin mit Niveau endlich auch auf Deutsch. Allerdings muss man dafür auch das »Gentlemen’s Quarterly« (GQ) kaufen. Merkwürdig. Das legendäre Szeneorgan für digitalen Lifestyle im Doppelpack mit der platten Konsumanleitung für anspruchsreduzierte Besserverdiener mit tradiertem Rollenverständnis – das klingt erst logisch, wenn man den Verlag betrachtet: Wie »GQ« erscheint »Wired« im Münchner Condé Nast Verlag.
»Huckepack« heißt das Prinzip gemeinsamen Vertriebs verschiedener Druckprodukte. Der »Süddeutschen Zeitung« liegt montags ein Teil der »New York Times« im Original bei und dem »Focus« der übersetzte »Economist«. Ein österreichischer Energydrink-Abfüller legt sein poppiges Firmenblatt »The Red Bulletin« in die Heftmitten von »Münchner Merkur« bis »FAZ«, die »Zeit« verleibt sich das Kirchensprachrohr »Chrismon« ein. Und der »taz« beschert die »Le Monde Diplomatique« am zweiten Freitag jedes Monats ein Absatzplus von 25 Prozent. Aber keine dieser Paarungen zum beiderseitigen Nutzen ist so bizarr wie die »Wired« im »GQ«. Mit viel Kreativität und noch mehr Stil kriecht das Technikheft in die kriminellen Winkel des Web 2.0, spielt Deutschland nach der Energiewende 2022 durch, gestaltet selbst die genretypischen Produkttests erfreulich PR-fern und tut das alles verspielt, aber ohne viel Firlefanz. Es besinnt sich also auf seine Stärken: multimediale Trendthemen aus soziokultureller Sicht zu beleuchten. Eine Marktlücke im servicelastigen Segment technikaffiner Hefte.
Dafür sollte »Wired« rasch runter von den Schultern der »GQ«. Die, betont Herausgeber Moritz von Laffert, seien zwar mehr »Vehikel« als echter Partner; doch es dürfte vorerst verhindern, dass die Leserinnenquote über jene 28 Prozent in den USA steigt. Der gut besuchte Internet-Blog zeigt allerdings seit Wochen, dass die Netzgemeinde dem Start förmlich entgegenfiebert. Und wenn das Heft demnächst in den Einzelverkauf geht, beißt womöglich auch die weibliche Kundschaft an. Dann erst will Condé Nast prüfen, ob sich weitere Ausgaben lohnen. Man vertraue da aber auch aufs »verlegerische Gespür«, wie Verlagschef Laffert beteuert. Nach Durchsicht der 132 Seiten müsste es eigentlich »Weitermachen« fühlen. Zumal über ein Dutzend Anzeigen prominenter Werbekunden zeigen: Die Wirtschaft fühlt ganz ähnlich.
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