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Rund um den Globus

EIN DOLMETSCHERLEBEN

  • Martin Hardt
  • Lesedauer: 2 Min.

Er sympathisierte zwar mit Mao Tse-Tung, noch mehr aber mit dem vermeintlich angenehmeren Leben außerhalb seiner Heimat.« So beschreibt Wolfgang Ghantus, Jg. 1930, seinen ersten offiziellen Auftrag als Englisch-Dolmetscher. Das war im November 1949.

Eigentlich war Ghantus auf dem Wege, Journalist zu werden. Er hatte am Institut für Publizistik an der Martin-Luther-Universität Halle studiert, doch dann holte den munteren Jungen aus Berlin-Charlottenburg mit arabischem Vater sein gutes Englisch ein und schickte ihn auf eine lebenslange Reise rund um den Globus.

In seinen Erinnerungen gibt einer der profiliertesten Dolmetscher zu Zeiten der DDR spannende und oft hochinteressante Einblicke in die Geheimnisse seines Berufsstandes, in dem neben Sprachtalent und Disziplin Diskretion das Wichtigste ist. Ghantus ist noch heute in seinem Beruf tätig. Und so bietet das im lockeren Stil verfasste Buch nicht nur brisante Informationen über die internationalen Beziehungen der DDR, sondern auch von heute.

Der Leser erhält spannende Einblicke in den Kampf um internationale Anerkennung des zweiten deutschen Staates. Berichtet wird nicht nur über offizielle Staatsbesuche. Ghantus war auch Augen- und Ohrenzeuge des »weltweiten Klingenkreuzens der Chefideologen« im Kalten Krieg. Er übersetzte auf Symposien von Christen und Marxisten in den USA. Und er erinnert an die vielen Mitarbeiter des Internationalen Instituts für Politik und Wirtschaft der DDR, deren Zuarbeiten für die Politik bei den Oberen in der DDR leider selten Gebrauch fanden.

Warmherzig schreibt er über den 1978 unter mysteriösen Umständen in Libyen umgekommenen Werner Lamberz. Ghantus hatte das Politbüromitglied und mächtigen Leiter der Abteilung Agitation im ZK, dem der Ruf anhing, Kronprinz von Honecker zu sein, oft begleitet und wohl auch Hoffnungen in ihn gesetzt.

Dort wo Ganthus über seinen Berufsstand plaudert, wird deutlich, wie spannend und erkenntnisreich ein Leben zwischen Staatsbesuchen, Medizinkongressen, Ingenieurstagungen und Treffen von Germanisten sein kann; letztere diskutierten einmal den kriminologischen Gehalt der Grimmschen Märchen. Ghantus hat Indira Gandhi, Angela Davis, Ché Guevara und andere große Politiker und Revolutionäre seiner Zeit getroffen. Er half auch Angela Merkel, als deren Englisch noch nicht verhandlungssicher war. Er war und ist für viele eine Stimme.

Wolfgang Ghantus: Ein Diener vieler Herren. Als Dolmetscher bei den Mächtigen der Welt. Militzke Verlag. 200 S., geb.,17,90 EUR

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